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Die dümmste aller Überzeugungen: Sich selbst für klug zu halten (Sokrates: Ich weiß, dass ich nichts weiß)

  • breinhardt1958
  • 31. Aug. 2025
  • 3 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 2. Jan.

Sokrates zweifelnd neben Orakel von Delphi, moderne Experten und Influencer – Symbol für Selbstüberschätzung und sokratische Weisheit

Platon überliefert uns in der Apologie des Sokrates eine kleine Geschichte, die bis heute erstaunlich aktuell ist – und gleichzeitig gnadenlos entlarvend.


Chairephon, ein Jugendfreund des Sokrates, begab sich einst nach Delphi, zum berühmtesten Informationsdienst der Antike: dem Orakel des Apoll. Dort sprach der Gott – so glaubte man – durch den Mund der Pythia, seiner Priesterin. Wer eine Frage stellte (gegen angemessenes Entgelt), erhielt eine Antwort.


Manchmal hilfreich.

Manchmal völlig unbrauchbar.

Oft so mehrdeutig, dass erst die Fehlinterpretation ihre eigentliche Wirkung entfaltete.


Im Grunde war die Pythia das Internet vor dem Internet.


Chairephon stellte eine einfache Frage:

Ob es jemanden gebe, der mehr wisse als sein Freund Sokrates.


Die Antwort war eindeutig:

Nein.


Man kann sich vorstellen, wie stolz Chairephon nach Athen zurückkehrte. Den weisesten Menschen der Welt zum Freund zu haben – das hebt den eigenen sozialen Status erheblich. Also berichtete er Sokrates voller Begeisterung von der göttlichen Bestätigung.


Und Sokrates?


Er war irritiert.

Nicht geschmeichelt.

Nicht triumphierend.

Sondern ratlos.

„Was eigentlich meint der Gott, und was deutet er mit diesem Rätsel an? Ich bin mir doch bewusst, dass ich überhaupt nichts weiß. Was also meint er, wenn er behauptet, ich wisse am meisten?“

Ein moderner Influencer hätte an dieser Stelle vermutlich ein Buch geschrieben.

Sokrates tat etwas anderes.


Er beschloss, das Orakel zu widerlegen.


In systematischer Absicht suchte er Menschen auf, die im Ruf standen, klug zu sein: Politiker, Redner, Experten, Meinungsführer – Personen also, die sowohl von anderen als auch von sich selbst für besonders wissend gehalten wurden. (Dass er mit Politikern begann, deutet bereits auf einen gewissen experimentellen Humor hin.)


Das Ergebnis war ernüchternd.


Diese Menschen wussten vieles – oder zumindest glaubten sie das. Doch bei genauerem Nachfragen zeigte sich, dass sie ihre eigenen Annahmen selten verstanden, ihre Begriffe nicht sauber trennten und ihre Überzeugungen nicht begründen konnten. Sie hielten Meinungen für Wissen und Gewissheit für Wahrheit.


Sokrates’ Fazit war ebenso schlicht wie vernichtend:

„Ich glaube, dass ich in diesem einen Punkt weiser bin: dass ich nicht glaube zu wissen, was ich nicht weiß.“

Oder, in Platons Original:

„ἐγὼ δ᾽ οἶμαι, ὦ ἄνδρες, ὅτι σοφώτερός εἰμι τούτου μικρόν τι, τὸ μὴ οἴεσθαι εἰδέναι ἃ οὐκ οἶδα.“

Im Laufe der Jahrhunderte wurde daraus der berühmte, aber verkürzte Satz:

„Ich weiß, dass ich nichts weiß.“


Missverstanden wird er bis heute.


Denn Sokrates behauptet nicht, unwissend zu sein. Er behauptet auch nicht, dass Wissen wertlos sei. Im Gegenteil: Wissen ist gut. Wissen ist notwendig. Wissen ist ungleich verteilt – und das ist ein reales Problem.


Der entscheidende Zusatz ist ein anderer: Fallibilismus.


Die Einsicht, dass das eigene Denken prinzipiell fehlbar ist.

Dass Irrtum kein persönliches Versagen, sondern eine strukturelle Möglichkeit des Denkens ist.

Dass Überzeugung keine Garantie für Wahrheit darstellt.


Wer Wissen besitzt und einkalkuliert, sich irren zu können, ist immer klüger als jemand mit vergleichbarem Wissen, der diese Möglichkeit kategorisch ausschließt. Nicht moralisch überlegen – sondern epistemisch.


Oder anders gesagt:

Die gefährlichste Form der Dummheit ist nicht Unwissen, sondern unkritische Gewissheit.


Und damit sind wir wieder mitten in unserer Zeit.


In den kommenden Beiträgen werden wir uns ansehen, was aus dieser uralten Einsicht geworden ist:

Ob sie im modernen Alltag noch eine Rolle spielt – in Politik, Medien, Wissenschaft und sozialen Netzwerken.

Welche Gruppen besonders anfällig dafür sind, ihre eigenen Gedanken nicht mehr zu hinterfragen.

Und wie verbreitet diese Form der selbstzufriedenen Gewissheit tatsächlich ist.


Denn eines ist sicher:

Noch nie war es so einfach, sich für klug zu halten – und so selten, es auch zu sein.

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