Wahrheit und Dummheit in verschiedenen Bereichen
- breinhardt1958
- 7. Sept.
- 3 Min. Lesezeit
Bevor ich mich konkreten Beispielen menschlicher Dummheit zuwende (dann wird es auch reichlich von diesen putzigen logischen Formeln geben), ein kurzer Überblick, wie es in einzelnen Sinnbereichen mit dem Willen zur Wahrheit und den Mechanismen zur Vermeidung allzu auffälliger Dummheit bestellt ist.
Wissenschaft – Wahrheit als Annäherung an die Realität
Was man der Wissenschaft zugutehalten kann, ist, dass es ihr grundsätzlich um Erkenntnisgewinn geht, letztendlich also um die Wahrheit. Dabei ist den Wissenschaftlern durchaus bewusst, dass ihre Wahrheit nie endgültig ist, sondern immer vorläufig. Um wissenschaftliche Standards einzuhalten, also letztendlich Dummheit zu vermeiden, wurden im Laufe der Wissenschaftsgeschichte immer strengere Kriterien dafür eingeführt, was als wissenschaftlich gelten darf. Bei inhaltlichen Kriterien, beispielsweise der Objektivität, ist das durchaus nachvollziehbar, aber bei formalen? Ein Galilei etwa, geschweige denn ein Lukrez, würde heutzutage wohl gnadenlos durch die Erstsemesterprüfung fallen. Mir jedenfalls ist niemand bekannt, der seine Klausur in Vers- oder Dialogform erfolgreich eingereicht hat. Ja, die wissenschaftlichen Standards erhöhen die Chance, der Wahrheit möglichst nahe zu kommen und vermeiden den größten Blödsinn. Sie haben aber auch Nachteile. Das zumindest ein Teil der wissenschaftlichen Arbeit sehr langweilig sein kann (wer bibliographiert schon mit Leidenschaft!), ist noch das kleinere Übel. Hauptproblem ist, dass diese Standards geradezu automatisch dazu führen, dass recht einseitig eine Korrespondenztheorie der Wahrheit (veritas est adaequatio rei et intellectus) die Wissenschaftspraxis dominiert. Wissenschaftlicher sehen ihre Aufgabe darin, Modelle zu entwickeln, die möglichst genau mit den Fakten der Welt übereinstimmen. Hypothesen werden durch Beobachtung und Experiment überprüft; Falsifikation (Popper) ist wichtiger als bloße Bestätigung. Bei mangelnder Selbstreflektion kann das zu kuriosen Verzerrungen des Denkens führen. Sagt die Wissenschaft uns die Wahrheit? Wir wissen es nicht!
Recht – Wahrheit als Ergebnis eines Verfahrens
Auch im Bereich des Rechts ist infolge der Orientierung an der Rechtsidee (ein rechtsphilosophischer Terminus) das Bemühen um Wahrheit und das Vermeiden simpler Fehler zu erkennen, ebenfalls geschichtlich gewachsen. Es geht hier um die Herstellung von Gerechtigkeit. Die „gerichtliche Wahrheit“ entsteht aus einem geregelten Diskurs zwischen Anklage, Verteidigung und neutraler Instanz. Sie ist eine Wahrheit im Rahmen der Beweisregeln. Die Korrespondenz zur Realität wird angestrebt, kann aber durch fehlende Beweise oder widersprüchliche Aussagen eingeschränkt sein. Kohärenz ist ebenso entscheidend: Ein Urteil muss logisch schlüssig und mit der geltenden Rechtsordnung vereinbar sein. Das Problem, dass in der Realität für den einen oder anderen fatale Folgen haben kann, ist leider, dass Prozesswahrheit und objektive Wahrheit nicht deckungsgleich sind.
Politik – Wahrheit als narrative Konstruktion
In der Politik wird es nun langsam wild. Die Wahrheit ist von untergeordnetem Interesse und dummes Zeug wird oft für die eigenen Ambitionen bewusst eingesetzt. Politische Wahrheiten entstehen oft durch Aushandlung und Mehrheitsmeinungen. Doch hier ist Wahrheit nie nur Selbstzweck. Sie wird in Narrative eingebettet, um Zustimmung zu erzeugen – was die Grenze zwischen Aufklärung und Manipulation fließend macht. Der Eindruck, der dadurch entsteht ist geradezu lächerlich. Die Opposition kritisiert permanent die Regierung, wirft ihr Unfähigkeit, letztendlich also Dummheit vor, weiß alles besser. Kaum wechselt die Regierung, jetzt ist die bisherige Opposition dran, ändert sich das Verhältnis. Anscheinend setzt durch die simple Tatsache des Regierungswechsels plötzlich bei den bisherigen Besserwissern eine kollektiv Verblödung ein. Jetzt sind sie unfähig und dumm. Und die bisherige unfähige Regierung ist, jetzt Opposition, in den Stand der Allwissenheit getreten. Nur am Rande: Ein Politiker wäre für mich erst dann glaubhaft, wenn er bei der obligatorischen Frage "Nehmen Sie die Wahl an?" antworten würde "Nö, mein Gegenkandidat ist einfach besser geeignet als ich!"
Alltag – Wahrheit als soziales Schmiermittel
Im Alltag wird es nun völlig verrückt. Allgemein kann man sagen, dass die Wahrheit hier eine pragmatische Rolle hat: Sie soll Orientierung geben, aber auch das Zusammenleben erleichtern. Absolute Ehrlichkeit ist im Alltag selten ein Ideal, sondern eher ein Sonderfall. Die Bandbreite ist enorm, von Person zu Person, je nach dem Thema, um das es geht, je nach konkreter Situation. Im Alltag ist Wahrheit also ein flexibler Begriff. Und die eigene Dummheit ist keine Beachtung wert.

Bernd, du trifft den Nagel voll auf den Kopf! Respekt