„Diesmal wird alles anders“ – Die selbstzerstörerische Hoffnung auf die Treue eines notorischen Fremdgängers

Es gibt Menschen, die einmal fremdgehen, ihren Fehler erkennen und versuchen, den angerichteten Schaden wiedergutzumachen. Und es gibt Menschen, für die Untreue ungefähr den Stellenwert einer regelmäßigen Freizeitbeschäftigung besitzt. Sie versprechen Besserung, bereuen auf Nachfrage, werden erwischt, entschuldigen sich und beginnen irgendwann von vorne. Nicht unbedingt mit einem neuen Partner, aber zuverlässig mit einer neuen Ausrede.
Und dann gibt es jene, die ihnen immer wieder glauben.
Wer mit einem notorischen Fremdgänger zusammenlebt und ernsthaft darauf hofft, dass sich dessen Verhalten irgendwann grundlegend ändert, sollte sich eine unangenehme Frage stellen: Warum hält man eine Zukunft für wahrscheinlich, für die es in der Vergangenheit keinerlei belastbare Belege gibt?
Liebe kann vieles erklären. Nur leider nicht alles rechtfertigen. Und schon gar nicht die systematische Verwechslung von Hoffnung und Wahrscheinlichkeit.
Der Irrtum: Ein Versprechen ist noch keine Verhaltensänderung
Nehmen wir Julia. Sie ist seit fünf Jahren mit Daniel zusammen. Zweimal hat sie ihn beim Fremdgehen erwischt, ein weiteres Mal durch Zufall von einer Affäre erfahren. Jedes Mal folgt dasselbe Ritual: Daniel entschuldigt sich, erklärt seine Verfehlung mit einer schwierigen Lebensphase und versichert, dass er nun endlich verstanden habe, was er an Julia habe.
Julia glaubt ihm.
Schließlich sei ihre Beziehung etwas Besonderes. Die anderen Frauen hätten nichts bedeutet. Es sei nur passiert. Er habe einen Fehler gemacht. Und diesmal werde wirklich alles anders.
Interessanterweise ist Daniels Verhalten ziemlich konstant. Nur seine Erklärungen werden mit jeder Wiederholung kreativer.
Hier liegt ein elementarer Denkfehler: Julia bewertet Daniels Versprechen höher als seine tatsächlichen Handlungen. Sie behandelt eine verbale Absichtserklärung wie einen empirischen Beweis.
Dabei gilt:
Versprechen ≠ Veränderung
Eine Veränderung zeigt sich nicht darin, dass jemand behauptet, sich verändern zu wollen.
Sie zeigt sich in einem über längere Zeit stabilen, überprüfbaren Verhalten.
Wer nach wiederholten Vertrauensbrüchen immer noch hauptsächlich auf Worte vertraut, betreibt keine Beziehungsarbeit. Er betreibt Beweisvermeidung.
Die Vergangenheit ist kein Zufall, wenn sie sich ständig wiederholt
Natürlich wäre es falsch, aus einem einmaligen Seitensprung eine unveränderliche Persönlichkeitseigenschaft abzuleiten. Menschen können Fehler machen, Verantwortung übernehmen und ihr Verhalten verändern.
Bei notorischen Fremdgängern geht es jedoch nicht um einen isolierten Vorfall. Es geht um ein wiederkehrendes Verhaltensmuster.
Die psychologische Forschung liefert hierzu einen bemerkenswerten Befund. Eine 2017 in Archives of Sexual Behavior veröffentlichte Längsschnittstudie von Kayla Knopp und Kollegen untersuchte 484 Personen über zwei aufeinanderfolgende Beziehungen hinweg.
Personen, die in ihrer ersten Beziehung fremdgegangen waren, berichteten in ihrer nächsten Beziehung etwa dreimal so häufig erneut von Untreue wie Personen ohne entsprechende Vorgeschichte.
Die Studie beweist selbstverständlich nicht, dass jeder Fremdgänger zwangsläufig wieder fremdgeht. Sie zeigt aber, dass frühere Untreue ein relevanter Risikofaktor für erneute Untreue ist.
Das ist eigentlich keine besonders komplizierte Erkenntnis. Wer ein Verhalten wiederholt zeigt, liefert damit Informationen über die Wahrscheinlichkeit seiner Wiederholung.
Nur in Beziehungen scheint diese elementare Form statistischen Denkens gelegentlich außer Kraft gesetzt zu werden.
Dort wird aus wiederholtem Fehlverhalten plötzlich eine Ansammlung unglücklicher Einzelfälle. Aus drei Affären werden drei Missverständnisse. Und aus einer stabilen Verhaltenskonstante wird eine vorübergehende Lebenskrise.
Die Vergangenheit wird nicht ausgewertet, sondern weginterpretiert.
Die Hoffnung auf den Menschen, der er angeblich sein könnte
Ein besonders raffinierter Selbsttäuschungsmechanismus besteht darin, nicht den tatsächlichen Partner zu lieben, sondern dessen theoretisches Entwicklungspotenzial.
Julia liebt nicht nur Daniel. Sie liebt vor allem die Vorstellung von Daniel: den treuen, aufmerksamen, verantwortungsvollen Mann, der irgendwann unter all den bisherigen Fehlentscheidungen zum Vorschein kommen soll.
Das Problem: Dieser Daniel existiert bislang hauptsächlich in ihrer Fantasie.
In der Psychologie lässt sich ein solcher Mechanismus mit idealisierenden Wahrnehmungsverzerrungen und selektiver Informationsverarbeitung in Verbindung bringen. Menschen neigen dazu, Informationen entsprechend ihren bestehenden Erwartungen zu gewichten. Bestätigende Hinweise erhalten mehr Aufmerksamkeit, widersprechende werden relativiert.
Daniel sagt, er liebe Julia: Beweis für seine Gefühle.
Daniel geht fremd: Ausdruck seiner Unsicherheit.
Daniel lügt: Angst vor ihrer Reaktion.
Daniel wird erneut erwischt: Ein Rückfall.
Die Interpretation passt sich zuverlässig dem gewünschten Ergebnis an. Eine bemerkenswerte geistige Flexibilität, die man sich gelegentlich auch bei der Lösung mathematischer Probleme wünschen würde.
Nur dort funktioniert sie leider nicht.
Warum die Entschuldigung so überzeugend wirkt
Nach einer aufgedeckten Affäre erleben viele Paare eine intensive emotionale Phase. Der Fremdgänger zeigt Reue, sucht Nähe, macht Versprechungen und bemüht sich plötzlich um Aufmerksamkeit.
Der betrogene Partner erlebt möglicherweise eine vorübergehende Verbesserung der Beziehung. Es wird mehr geredet, mehr gekuschelt, mehr unternommen. Für einen Moment scheint die Krise sogar etwas Positives hervorgebracht zu haben.
Doch intensive Zuwendung ist noch kein Beweis für eine grundlegende Veränderung.
Entscheidend ist, ob sich das Verhalten auch dann verändert, wenn die akute Gefahr einer Trennung vorbei ist.
Wer nur dann besonders liebevoll wird, wenn die Beziehung auf dem Spiel steht, hat möglicherweise weniger seine Einstellung zur Treue verändert als seine Einschätzung der Konsequenzen.
Das ist ein erheblicher Unterschied.
Eine systematische Übersichtsarbeit von Giacobbi und Lalot aus dem Jahr 2025 über die Wiederherstellung von Vertrauen nach einem Vertrauensbruch identifiziert unter anderem Transparenz, Verantwortungsübernahme, Reue und verlässliche Kommunikation als zentrale Faktoren.
Mit anderen Worten: Vertrauen entsteht nicht durch besonders überzeugende Entschuldigungen, sondern durch nachvollziehbares Verhalten.
Wer lediglich die emotionale Temperatur senkt, ohne die Ursache des Problems anzugehen, betreibt keine Reparatur. Er verschafft sich eine neue Runde im alten Spiel.
Der Denkfehler der versunkenen Kosten
Warum bleibt Julia trotzdem?
Ein wichtiger Erklärungsansatz ist der sogenannte Sunk-Cost-Effekt. Menschen halten häufig an Entscheidungen fest, weil sie bereits viel Zeit, Energie, Geld oder emotionale Ressourcen investiert haben.
Julia denkt an die fünf gemeinsamen Jahre. An die Urlaube, die schönen Erinnerungen, die gemeinsamen Pläne und die schwierigen Zeiten, die sie bereits überstanden haben.
Jetzt aufzugeben, würde bedeuten, all diese Investitionen infrage zu stellen.
Doch genau hier liegt der Denkfehler.
Vergangene Investitionen machen eine schlechte Zukunft nicht besser. Die fünf Jahre, die Julia bereits mit Daniel verbracht hat, sind kein Argument dafür, ihm weitere fünf Jahre zu überlassen.
Formal:
Vergangene Investition (I) ≠ zukünftiger Nutzen (N)
Aus:
I > 0
folgt logisch nicht:
N > 0
Die bisher investierte Lebenszeit ist unwiederbringlich. Sie wird nicht dadurch zurückgewonnen, dass man noch mehr Lebenszeit hinterherwirft.
Eine Beziehung ist schließlich kein Insolvenzverfahren, bei dem man so lange nachschießen muss, bis die Verluste ausgeglichen sind.
Liebe ist keine Lizenz zur Selbstaufgabe
Es wäre zu einfach, Julia für ihre Hoffnung zu verspotten. Menschen bleiben aus emotionaler Bindung, Angst vor Verlust, gemeinsamen Verpflichtungen, finanzieller Abhängigkeit oder der Vorstellung, dass die Beziehung noch zu retten sei.
Das macht sie nicht dumm. Es macht sie menschlich.
Dumm wird es dort, wo man die wiederholte Verletzung der eigenen Grenzen zur unvermeidlichen Begleiterscheinung der Liebe erklärt.
Eine funktionierende Beziehung braucht keine absolute Fehlerfreiheit. Sie braucht aber Verlässlichkeit, gegenseitigen Respekt und die Bereitschaft, Verantwortung für das eigene Verhalten zu übernehmen.
Auch nach einer Affäre kann eine Beziehung wieder funktionieren. Voraussetzung ist allerdings, dass beide Partner tatsächlich an der Wiederherstellung des Vertrauens arbeiten.
Dazu gehören ehrliche Aufarbeitung, Verantwortungsübernahme und langfristig konsistentes Verhalten. Professionelle Paartherapie kann diesen Prozess unterstützen.
Aber eine Person allein kann keine Beziehung reparieren, deren andere Hälfte regelmäßig mit dem Vorschlaghammer auf das Fundament der Beziehung einschlägt.
Und schon gar nicht kann sie einen anderen Menschen allein durch Liebe zur Treue führen.
Wann Hoffnung zur Selbsttäuschung wird
Die entscheidende Frage lautet nicht, ob sich ein notorischer Fremdgänger theoretisch verändern kann. Natürlich kann er das.
Die Frage lautet, ob es konkrete Anzeichen dafür gibt, dass er es tatsächlich tut.
Übernimmt er Verantwortung, ohne die Schuld auf den Partner, die Umstände oder den Alkohol abzuschieben? Beendet er die außerehelichen Kontakte? Ist er bereit, Vertrauen durch langfristig nachvollziehbares Verhalten wiederherzustellen? Akzeptiert er, dass seine Versprechen zunächst wenig wert sind?
Oder wiederholt sich lediglich das bekannte Drehbuch?
Affäre, Entdeckung, Tränen, Versöhnung, kurze Aufmerksamkeit, neue Affäre.
Wer dieses Muster immer wieder erlebt, sollte irgendwann aufhören, die nächste Episode als überraschende Wendung zu betrachten.
Die Hoffnung auf Veränderung ist nicht grundsätzlich irrational. Irrational wird sie, wenn sie sich konsequent gegen sämtliche verfügbaren Erfahrungen immunisiert.
Fazit: Man kann einen Menschen lieben und trotzdem gehen
Ein notorischer Fremdgänger ist nicht zwangsläufig für alle Zeiten unfähig zu Treue. Aber seine wiederholte Untreue ist eine Information, die man nicht ignorieren sollte.
Wer sich trotz wiederholter Vertrauensbrüche immer wieder mit denselben Versprechen zufriedengibt, verwechselt die Möglichkeit einer Veränderung mit ihrer Wahrscheinlichkeit.
Das ist keine besonders romantische Form der Liebe. Es ist eine bemerkenswert kostspielige Form der Selbsttäuschung.
Julia muss Daniel nicht hassen. Sie muss ihm auch keine lebenslange moralische Verurteilung nachtragen. Sie muss lediglich akzeptieren, dass seine tatsächlichen Handlungen mehr über seine Beziehungsfähigkeit aussagen als ihre Hoffnungen.
Denn Liebe bedeutet nicht, unbegrenzt auf die bessere Version eines Menschen zu warten, während die gegenwärtige Version nur unangenehme Konsequenzen erzeugt.
Die vielleicht bitterste Erkenntnis lautet deshalb: Wer immer wieder darauf wartet, dass ein notorischer Fremdgänger endlich treu wird, sollte gelegentlich prüfen, ob nicht längst die eigene Hoffnung der untreueste Partner in dieser Beziehung geworden ist.
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