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Der Strohmann regiert mit – Wie Politik sich Gegner erfindet, um Argumente zu vermeiden

  • breinhardt1958
  • 25. Jan.
  • 3 Min. Lesezeit
Symbolbild für Strohmann-Argumente in der Politik: ein Politiker als Strohpuppe steht für verzerrte Gegnerdarstellungen
Der perfekte Gegner ist der, den man selbst gebaut hat.

Einleitung: Der bequemste Gegner ist der erfundene

Politische Debatten leben vom Konflikt. Doch wo echter Konflikt anstrengend wäre, greift man gern zu einer Abkürzung: Man erfindet einen Gegner, der dümmer, extremer oder moralisch verwerflicher ist als der reale – und argumentiert dann nicht gegen das tatsächliche Gegenargument, sondern gegen dessen Karikatur. Dieses Verfahren trägt einen Namen: das Strohmann-Argument.


Es ist kein Randphänomen, keine rhetorische Unsauberkeit aus hitzigen Talkshows, sondern ein zentrales Funktionsprinzip moderner Politik. Wer Strohmann-Argumente systematisch einsetzt, muss weder überzeugen noch verstehen – er muss nur verzerren. Genau darin liegt ihre Macht.


Was ist ein Strohmann-Argument?

In der Argumentationstheorie bezeichnet ein Strohmann-Argument eine Fehlschlussform, bei der die Position des Gegenübers bewusst vereinfacht, überzeichnet oder verfälscht wird, um sie leichter angreifen zu können. Formal lässt sich das so darstellen:


  1. Person A vertritt Position P

  2. Person B stellt P′ dar (eine verzerrte Version von P)

  3. Person B widerlegt P′

  4. Person B behauptet, P widerlegt zu haben


Der entscheidende Punkt: P′ ist nicht P. Der Angriff trifft nicht das eigentliche Argument, sondern einen Ersatzgegner – einen Strohmann.


In der Politik ist diese Technik besonders effektiv, weil sie drei Vorteile kombiniert: emotionale Mobilisierung, moralische Selbstaufwertung und argumentative Abkürzung.


Politische Praxis: Strohmann statt Substanz

Kaum ein Politikfeld ist frei von Strohmann-Konstruktionen. Einige typische Muster:


  • Sozialpolitik:

Forderungen nach gezielter Umverteilung werden als „Alle sollen gleich viel haben“ umgedeutet.

  • Migrationspolitik:

Kritik an unkontrollierter Migration wird als „Ausländerhass“ oder „Abschottungsfantasie“ dargestellt.

  • Klimapolitik:

Skepsis gegenüber bestimmten Maßnahmen wird zu „Klimaleugnung“ erklärt.

  • Wirtschaftspolitik:

Regulierungsvorschläge werden zu „Planwirtschaft“, Deregulierung zu „neoliberaler Ausbeutung“.


In all diesen Fällen wird nicht argumentiert, ob ein bestimmtes Ziel sinnvoll ist oder wie es erreicht werden könnte, sondern ob man die moralisch aufgeladene Karikatur akzeptiert oder ablehnt.


Warum Strohmann-Argumente so gut funktionieren

Aus psychologischer Sicht bedienen Strohmann-Argumente mehrere bekannte Effekte:


  • Kognitive Vereinfachung: Komplexe Positionen werden auf ein emotional verständliches Feindbild reduziert.

  • Ingroup-Outgroup-Dynamiken: Die eigene Gruppe erscheint vernünftig, die andere irrational oder gefährlich.

  • Bestätigungsfehler: Zuhörer hören vor allem das, was ihr Weltbild stabilisiert.


Der Strohmann spart Denkaufwand – für Sprecher wie Publikum. Genau das macht ihn politisch attraktiv.


Philosophische Tiefe: Wahrheit versus Sieg

Philosophisch betrachtet markiert das Strohmann-Argument einen grundlegenden Bruch mit der Idee rationaler Öffentlichkeit. Schon bei Aristoteles unterscheidet sich Dialektik – das ernsthafte Prüfen von Positionen – von Eristik, dem Streit um des Sieges willen.


Moderne Politik ist überwiegend eristisch. Der Zweck der Debatte ist nicht Wahrheit, sondern Legitimation von Macht. In diesem Rahmen ist das Strohmann-Argument kein Fehler, sondern eine strategische Rationalität: Es maximiert Zustimmung bei minimalem Wahrheitsanspruch.


Jürgen Habermas’ Ideal des „herrschaftsfreien Diskurses“ scheitert genau hier: Wo der Gegner nicht mehr als Gesprächspartner, sondern als Karikatur erscheint, endet Kommunikation und beginnt symbolischer Krieg.


Logische Klarheit: Warum der Strohmann kein Argument ist

Logisch gesehen ist das Strohmann-Argument kein schlechtes Argument – es ist überhaupt kein Argument. Es erfüllt nicht einmal die Minimalbedingungen rationaler Auseinandersetzung, weil:


  • es die Prämissen des Gegenübers nicht korrekt wiedergibt

  • es keine gemeinsame Ausgangsbasis schafft

  • es nicht widerlegt, sondern ersetzt


Ein Strohmann kann rhetorisch wirksam sein, aber er erzeugt keine Erkenntnis. Er verschiebt nur Fronten.


Der moralische Strohmann

Besonders perfide ist die moralische Variante: Statt die Position des Gegners zu verzerren, verzerrt man seine Motive. Kritik wird dann nicht als Irrtum, sondern als Bosheit interpretiert. Wer so argumentiert, muss nicht mehr erklären – er entlarvt.


Diese Technik immunisiert gegen Gegenargumente. Denn wer mit einem moralischen Strohmann arbeitet, signalisiert: Mit Menschen wie dir redet man nicht.


Fazit: Demokratie braucht echte Gegner

Eine funktionierende Demokratie braucht Konflikt – aber sie braucht echte Gegner, keine Pappfiguren. Strohmann-Argumente sind Symptome politischer Bequemlichkeit und intellektueller Feigheit. Sie ersetzen Denken durch Zuschreibung und Argument durch Inszenierung.


Wer Politik ernst nimmt, sollte sich angewöhnen, das stärkste Argument der Gegenseite zu formulieren, nicht das schwächste. Alles andere ist keine Auseinandersetzung, sondern Theater – mit vorher festgelegtem Ausgang.


Und Theater, so unterhaltsam es sein mag, ist kein Ersatz für Wahrheit.

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