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Eifersucht – Liebe ist das nicht. Angst schon.

  • breinhardt1958
  • 28. Sept. 2025
  • 4 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 6. Jan.

Eifersucht in einer Beziehung: Ein Mann klammert sich aus Angst und Besitzdenken an seine Partnerin.

Eifersucht ist Leidenschaft minus Liebe, plus Angst.

Eine Formel, so elegant wie entlarvend. Und nein, sie stammt nicht aus einem Ratgeberregal zwischen Duftkerzen und Paartherapie, sondern aus einer nüchternen Betrachtung menschlicher Irrationalität.


Ich zähle mich – bei aller Fehlbarkeit – zu den eher rational und logisch agierenden Menschen. Gefühle sind mir keineswegs fremd, auch sogenannte „negative“ nicht. Was mich zuverlässig in Rage bringt, ist allerdings nicht Traurigkeit oder Angst, sondern stur gepflegte Dummheit. Besonders dann, wenn sie nicht aus Nichtkönnen entsteht, sondern aus Nichtwollen. Menschen, die wider jede Evidenz an Unsinn festhalten und damit – ganz im Sinne von Carlo M. Cipollas Prinzipien der menschlichen Dummheit – sich selbst und anderen schaden. Genau diese Beobachtung war der Anlass für diesen Blog.


Eifersucht gehört ebenfalls in diese Kategorie analysierenswerter Phänomene. Nicht, weil ich persönlich betroffen wäre – im Gegenteil. Ich kann mich beim besten Willen nicht daran erinnern, jemals eifersüchtig gewesen zu sein. Und gerade deshalb interessiert mich dieses Gefühl: Was genau geht da eigentlich schief?

Denn eines habe ich nie verstanden: Es gibt keine rational überzeugenden Gründe für Eifersucht. Also schauen wir genauer hin.


Leidenschaft: Motor – oder Brandbeschleuniger?

Beginnen wir mit der Leidenschaft. Gemeinhin versteht man darunter ein intensives, auf ein Ziel, eine Tätigkeit oder eine Person gerichtetes Gefühl, das Handeln antreibt und oft eng mit der eigenen Identität verknüpft ist – also mit dem, was wir als „Ich“ empfinden.


Leidenschaft ist produktiv. Sie treibt Menschen zu Höchstleistungen in Wissenschaft, Kunst, Unternehmertum, Bildung, Sport und persönlichen Beziehungen. Leidenschaft für andere Menschen schafft Nähe, Bindung, Lebendigkeit.

Und ja: Eine Liebesbeziehung ohne ein Mindestmaß an Leidenschaft ist keine Liebe, sondern bestenfalls ein gut eingespieltes Nebeneinander. Und Sex ohne Leidenschaft? Lassen wir das. Gähnende Langeweile ist kein Erkenntnisgewinn.


Doch Leidenschaft hat eine dunkle Seite. Schon die Stoiker wussten das. Für sie waren Leidenschaften (pathē) Affekte, die den Menschen von der Vernunft wegziehen. Das Ideal hieß apatheia – nicht Gefühllosigkeit, sondern emotionale Selbstkontrolle. Leidenschaft kann obsessiv werden. Man ordnet sich ihr unter, verliert Maß, Verhältnismäßigkeit – und irgendwann auch Realität.


Eifersucht ist genau dieser Punkt, an dem Leidenschaft kippt.


Eifersucht und ihre Kollateralschäden

Eifersucht ist kein harmloses Kribbeln. Sie ist ein gut dokumentierter Risikofaktor für Gewalt. Auch wenn sie in Statistiken selten sauber erfasst wird, lassen sich Zusammenhänge erkennen:

  • In den USA war bei rund 9 % der Fälle von Tötungsdelikten zwischen Partnern Eifersucht als Vorgeschichte dokumentiert (National Violent Death Reporting System).

  • Negative Eifersucht (Besitzdenken, Misstrauen) verstärkt den Zusammenhang zwischen Alkoholmissbrauch und Partnergewalt.

  • In verschiedenen Stichproben gaben 50–66 % misshandelter Frauen an, übermäßige Eifersucht sei ein zentraler Auslöser der Gewalt gewesen.


Eifersucht ist also kein Beweis tiefer Liebe, sondern oft ein Frühwarnsignal.


Das Gedankenexperiment: Herr P und Frau P

Betrachten wir eine typische Eifersuchtssituation.

Herr P ist eifersüchtig. Frau P ist betroffen.


Nicht, weil Männer „grundsätzlich so sind“, sondern weil Frauen bei eskalierender Eifersucht statistisch häufiger Opfer werden.


Die Ausgangslage:

  1. Herr P glaubt, dass Frau P Sex mit einem anderen Mann hat.

  2. Herr P glaubt, dass das nicht in Ordnung ist.


Schon haben wir zwei Probleme. Denn wir operieren ausschließlich mit Meinungen.


Problem 1: „Ich glaube, sie geht fremd“

Was bedeutet diese Annahme faktisch? Erstaunlich wenig.


Eine große Befragung der Universität Göttingen (2006, ca. 13.000 Personen) ergab:

  • 31 % der Männer,

  • 28 % der Frauengaben an, mindestens einmal untreu gewesen zu sein. Neuere Umfragen bestätigen diese Größenordnung.


Die Quote sogenannter „Kuckuckskinder“ wird realistisch auf unter 5 % geschätzt. Bei rund 780.000 Geburten pro Jahr in Deutschland wären das maximal etwa 39.000 Fälle – keine Bagatelle, aber auch kein Normalzustand.


Damit Herr Ps Verdacht rational angemessen wäre, müsste seine Annahme eine sehr hohe Übereinstimmung mit der Realität haben. Rein statistisch bräuchte er nahezu Gewissheit. Eigentlich müsste er Zeuge der Untreue sein.

Ist er das? Meistens nicht.

Beeindruckt ihn diese Logik? Ebenfalls selten.


Problem 2: „Das darf sie nicht“

Warum eigentlich?


Wenn Herr P Frau P liebt, dann möchte er ihr Glück.

Wenn Frau P durch Sex mit einem anderen Mann glücklich wird, dann müsste Herr P – rein logisch – dieses Glück begrüßen.


Tut er das nicht, sondern reagiert mit Eifersucht, dann folgt zwingend:

Herr P liebt nicht – er besitzt.

Formallogisch ist das ein klassischer Modus tollens:

Wenn Liebe → Wohl des Anderen

Nicht-Wohl → keine Liebe


Das mag brutal klingen, ist aber sauber gedacht.


Also warum ist Herr P trotzdem eifersüchtig?

Weil Menschen keine Logikmaschinen sind. Die relevanten Gründe liegen außerhalb formaler Logik:

  • Angst vor Verlust

  • Angst vor Vergleich und Unterlegenheit

  • Angst vor unsicherer Vaterschaft

  • Angst vor sozialem Statusverlust

  • Angst vor finanziellen Konsequenzen


Evolutionär betrachtet spielt für Männer die Gewissheit der Vaterschaft eine zentrale Rolle. Gene wollen weitergegeben werden, Besitz will vererbt werden. Unsichere Abstammung war historisch kein romantisches Problem, sondern ein existenzielles.


Hinzu kommt das kulturelle Erbe. Jahrhunderte christlicher Moral haben sexuelle Treue als Norm verankert. Ehebruch war Sünde, nicht Vertragsbruch. Selbst in säkularen Gesellschaften wirkt das nach:

Laut YouGov (2021) halten 84 % der Befragten sexuelle Treue für unverzichtbar oder sehr wichtig.


All das erklärt Eifersucht – rechtfertigt sie aber nicht.


Wer eifersüchtig ist, hat kein Liebesproblem – sondern ein Angstproblem

Am Ende bleibt wenig Mystik.


Herr P ist nicht leidenschaftlich.

Er ist nicht verletzt, weil er liebt.

Er ist vor allem eines: ängstlich.


Angst, verlassen zu werden.

Angst, nicht zu genügen.

Angst, Kontrolle zu verlieren.

Angst vor Bedeutungslosigkeit.


Eifersucht ist kein Zeichen tiefer Bindung, sondern ein Symptom innerer Unsicherheit. Und je stärker sie wird, desto weniger hat sie mit Liebe zu tun.


Oder anders gesagt:

Wer liebt, will Freiheit.

Wer eifersüchtig ist, will Sicherheit.

Beides gleichzeitig funktioniert erstaunlich selten.

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