Der fast ideale Partner – oder: Wie man sich mit Statistik unglücklich rechnet
- breinhardt1958
- 26. Okt. 2025
- 3 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 10. Jan.

Wahrscheinlichkeiten regieren unser Leben. Nicht nur beim Lottospiel oder bei der Frage, ob man den Bus noch erwischt, sondern auch dort, wo wir am liebsten so tun, als gälte das alles nicht: in Beziehungen.
Jede Begegnung, jede Trennung, jede Ehe, jede Scheidung ist – nüchtern betrachtet – ein Ereignis mit einer bestimmten Eintrittswahrscheinlichkeit. Romantisch ist das nicht. Aber korrekt.
Und nun zur alles entscheidenden Frage:
Wie hoch ist eigentlich die Wahrscheinlichkeit, dass der Mensch an unserer Seite ein fast idealer Partner ist?
Das „fast“ ist dabei kein Schönheitsfehler, sondern das Einzige, was den Gedanken überhaupt realistisch macht. Ein idealer Partner existiert nicht. Ein fast idealer vielleicht. Irgendwo. Eventuell. Unter günstigen Bedingungen.
Schon die bloße Tatsache, dass zwei Menschen ein Paar sind, taugt dabei als Kriterium exakt gar nicht. Menschen ertragen erstaunlich viel, bevor sie etwas ändern. Gewalt, emotionale Kälte, gegenseitige Verachtung, Stillstand, manchmal sogar offene Kriminalität – all das wird erstaunlich lange ausgehalten, wenn man sich erst einmal „für jemanden entschieden“ hat.
Auch der Satz „Ich bin glücklich verheiratet“ ist kein Beweis. Oft fehlt schlicht der Vergleich. Die Erkenntnis, dass „glücklich“ nicht das obere Ende der Skala sein muss, sondern irgendwo im Mittelfeld liegen kann.
Grund genug also, das Ganze einmal kühl zu sezieren.
Die Durchschnittsfrau
Ich gehe von einer deutschen Durchschnittsfrau aus. Nicht aus Frauenfeindlichkeit, sondern aus Pragmatismus. Ich bin ein Mann, und das Seelenleben von Männern ist, offen gesagt, eher überschaubar. Frauen sind komplizierter. Also statistisch interessanter.
Nennen wir sie Gabi.
Gabi ist 46,2 Jahre alt, 1,66 m groß und wiegt rund 69,2 kg.
47 % der Frauen in ihrem Alter sind verheiratet, im Schnitt mit 1,6 Kindern.
54,2 % sind ausschließlich heterosexuell.
Die Erwerbstätigenquote liegt bei etwa 74 %.
Hobbys werden ab 30 zunehmend im häuslichen Umfeld gepflegt – Couch, Serien, Innenleben.
Gabi ist also keine Ausnahme. Sie ist Norm.
Der Mann an ihrer Seite (statistisch gesehen)
Wenn Gabi verheiratet ist, ist auch ihr Mann verheiratet. 2023 lebten in Deutschland rund 34,3 Millionen Verheiratete, grob die Hälfte davon Männer. Also etwa 17,1 Millionen potenzielle Kandidaten – von denen Gabi genau einen abbekommen hat.
Aber natürlich kommt nicht jeder Mann infrage.
Kinder scheiden aus (rechtlich wie biologisch), sehr alte Männer ebenso – es sei denn, man sucht gezielt nach Erbfällen.
In rund 73 % der Ehen ist der Mann älter als die Frau, im Schnitt 2,5 Jahre. Gabis Mann liegt damit statistisch in der Altersgruppe 45–49. Das sind etwa 5,8 % der männlichen Bevölkerung: rund 994.296 Männer.
Das ist der Ausgangspunkt. Jetzt wird ausgesiebt.
Wunschliste trifft Wirklichkeit
Treue.
Laut GeSiD-Studie gaben 23 % der Männer in festen Beziehungen an, mindestens einmal fremdgegangen zu sein. Raus.
Bleiben 765.608 Männer.
Gleichwertigkeit.
Respekt, Unterstützung, faire Arbeitsteilung. In Haushalten mit Kindern leisten Frauen rund 70 % der unbezahlten Arbeit. Um auf 50:50 zu kommen, müssen wir realistisch weitere 20 % abziehen.
Bleiben 612.486 Männer.
Gemeinsame Werte und Interessen.
Hier hilft keine Excel-Tabelle mehr, sondern die Gaußsche Normalverteilung. Extreme Übereinstimmung ist selten und langweilig, extreme Differenz selten und destruktiv. Nehmen wir großzügig an, Gabi akzeptiert die obere Hälfte der brauchbaren Übereinstimmungen.
Bleiben 306.243 Männer.
Persönlichkeit, Intelligenz, Humor.
Ein Klassiker in jeder Studie. Und wieder dieselbe Logik: obere Hälfte.
Bleiben 153.122 Männer.
Stabilität.
Emotional, finanziell, organisatorisch. Nicht luxuriös, aber verlässlich.
Noch einmal halbieren.
Bleiben 76.561 Männer.
Langsam wird Gabi anstrengend.
Sexuelle Orientierung.
Da Gabi heterosexuell ist, dürfte sie irritiert reagieren, wenn ihr Mann es nicht ist. Studien zufolge waren etwa 13,4 % homosexueller Männer verheiratet oder geschieden.
Bleiben 67.833 Männer.
Gewalt.
Jede vierte Frau war mindestens einmal von körperlicher oder sexueller Gewalt durch einen (Ex-)Partner betroffen. Die Dunkelziffer ist hoch. Rechnen wir konservativ mit 25 %.
Bleiben 50.875 Männer.
Ein Mann pro Stadt
In einer Stadt wie Lutherstadt Wittenberg mit rund 45.000 Einwohnern gibt es statistisch einen Mann, mit dem Gabi es aushalten könnte.
Einen.
Und den muss sie erst einmal finden.
Also, liebe Frauen: Werft einen Blick auf den Mann neben euch.
Ist er wirklich dieser statistische Glücksfall?
Ich hätte das Spiel übrigens problemlos fortsetzen können.
Bis da steht: Bleiben 0 Männer.
Der eigentliche Trick
Wer aufgepasst hat, hat gemerkt: Hier stimmt etwas nicht.
Wahrscheinlichkeiten lassen sich nicht einfach so addieren und multiplizieren, wie ich es getan habe. Aus mengentheoretischer Sicht ist das Unsinn. Teilmengen, Überschneidungen, Korrelationen – all das habe ich ignoriert.
Absichtlich.
Denn genau so funktioniert Manipulation.
Man muss nicht lügen. Es reicht, wahre Zahlen unzulässig zu kombinieren, um eine gewünschte Wirkung zu erzeugen. In der Politik, in den Medien, im privaten Streit. Überall.
Deshalb lohnt es sich, solche Denkfehler zu erkennen.
Nicht, um immer recht zu haben.
Sondern um nicht ständig für dümmer verkauft zu werden, als man ohnehin schon ist.
Und das wäre – statistisch gesehen – schon ein Fortschritt.



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