Leistung lohnt sich – nur leider selten für dich
- breinhardt1958
- 19. Okt. 2025
- 4 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 9. Jan.

Erfolg ist ein schillernder Begriff. Einer dieser Begriffe, die jeder benutzt, aber kaum jemand sauber definieren kann. Natürlich lässt sich beschreiben, was Erfolg im Sport, in der Wirtschaft, im Recht oder im Bildungswesen bedeutet. Das ändert jedoch nichts daran, dass Menschen eine höchst private Vorstellung davon haben, wann sie „es geschafft“ haben.
Nehmen wir das Privatleben.
Wenn ich einen Menschen finde, mit dem ich eine für beide Seiten tragfähige Beziehung führe, bin ich erfolgreich.
Wenn ich mich um eine mir nahestehende behinderte Person nicht aus Pflichtgefühl, sondern aus Zuneigung kümmere und ihr damit Zeit und Lebensqualität schenke, bin ich erfolgreich.
Wenn ich in meinem Umfeld als angenehm, humorvoll, hilfsbereit oder wenigstens nicht als kompletter Idiot wahrgenommen werde, bin ich ebenfalls erfolgreich.
Alles richtig. Alles ehrenwert. Alles völlig wertlos – jedenfalls ökonomisch.
Denn wie es im Volksmund so schön heißt: Davon kann ich mir nichts kaufen.
Und dieser Satz ist grausamerweise wahr. Für fast alle Lebensbereiche. Mit einer kleinen, aber aufschlussreichen Ausnahme, zu der wir noch kommen.
Leistung, Applaus – und dann?
Ein Sportler wird Olympiasieger. In diesem Moment ist er unbestreitbar erfolgreich. Um dort zu stehen, wo gerade die Nationalhymne gespielt wird, waren nötig: jahrelanges Training, Disziplin, Verzicht, Schmerz, Frustration, monotone Wiederholungen und eine fast religiöse Hingabe an eine Tätigkeit, die Außenstehende oft für absurd halten.
Dann ist es so weit: Goldmedaille, Interviews, Kameraeinstellungen, Tränen. Und dann passiert etwas Seltsames.
Die Mehrheit dieser Sieger verschwindet innerhalb kürzester Zeit aus dem kollektiven Gedächtnis. Sie werden vergessen wie der Sieger des Eurovision Song Contest von vor drei Jahren. Einige wenige hingegen haben ausgesorgt. Sie machen Werbung. Sie werden Marken. Sie machen aus Leistung Geld.
Oder anders gesagt: Leistung ist nett. Vermarktung ist besser.
Finanzielle Wahrheit statt Leistungsmärchen
In unserer Gesellschaft wird Erfolg nicht ausschließlich, aber überwiegend als finanzieller Erfolg verstanden.
Alles andere ist Folklore für Sonntagsreden.
Also zur Kernfrage:
Führt Leistung zu Geld?
Das ist die Stelle, an der uns seit Kindertagen ein Märchen erzählt wird. Ein sehr deutsches Märchen. Es beginnt meist mit dem Satz: „Wenn du fleißig bist …“
Wer in Vollzeit arbeitet, ist fleißig. Punkt.
Und doch reicht Fleiß nicht einmal zuverlässig für ein Leben oberhalb der Armutsgrenze.
Ab dem 1. Januar 2025 beträgt der gesetzliche Mindestlohn 12,82 € brutto pro Stunde. Bei 40 Stunden pro Woche ergibt das etwa 2.222 € brutto im Monat. Rechnen wir mit Durchschnittswerten, bleiben einem verheirateten Arbeitnehmer mit zwei Kindern rund 1.900 € netto. Das Median-Nettoeinkommen liegt bei etwa 3.250 €.
Ergebnis: rund 58 % des Medianwerts – armutsgefährdet.
Erst mit Kindergeld wird aus armutsgefährdet „gerade noch so“.
Fleißig? Ja.
Leistung? Ohne Zweifel.
Finanzieller Erfolg? Ein schlechter Witz.
Das Narrativ, Leistung führe automatisch zu Wohlstand, ist kein Irrtum. Es ist ein Beruhigungsmittel. Es lullt ein, hält ruhig und verhindert unangenehme Fragen. Wer glaubt, er sei nur noch nicht fleißig genug, stellt das System nicht infrage.
Leistung zu Geld machen – ein Glücksspiel
Kann man Leistung in Geld verwandeln?
Manchmal. Aber Leistung allein reicht nicht. Es braucht Sichtbarkeit, Popularität, Timing, Netzwerk, Markttauglichkeit – und Glück.
Bleiben wir beim Sport, weil sich Leistung dort wenigstens messen lässt.
Ein deutscher Olympiasieger erhielt 2024 in Paris eine Prämie von 20.000 €. Italien zahlte 180.000 €, Südkorea etwa 200.000 € plus lebenslange Rente. Deutsche Olympiateilnehmer verdienen im Schnitt rund 1.560 € brutto im Monat.
Das Verhältnis von Aufwand zu Ertrag ist grotesk. Die Karriere kurz, die Risiken hoch, der finanzielle Ertrag meist lächerlich.
Reich werden die Ikonen. Eine verschwindend kleine Minderheit.
Michael Schumacher, Boris Becker, Steffi Graf, Sebastian Vettel, Dirk Nowitzki – einige Namen gegen die keine Regel.
Und nach der sportlichen Karriere?
Danach gibt es Anschlussverwendungen:
Als „Experte“ im Fernsehen belanglose Selbstverständlichkeiten sagen.
Als Talkshowgast von früher erzählen.
Sich ausziehen, wenn Aussehen und Geschlecht passen.
Oder ins Reality-TV gehen, wenn Würde verhandelbar ist.
All das ist kein Leistungseinkommen. Es ist Aufmerksamkeitsverwertung.
Die vielen, vielen Namenlosen? Sie haben ebenso hart trainiert. Nur ohne Anschlussverwendung.
Geld ohne Leistung – die Königsdisziplin
Kann man auch ohne Leistung reich werden?J
a. Und zwar erstaunlich zuverlässig.
In Deutschland gibt es rund 171 Milliardäre. Etwa drei Viertel davon haben ihr Vermögen überwiegend geerbt. Die Leistung dabei besteht aus biologischer Treffsicherheit – auch bekannt als Spermalotterie.
Ich habe lange gesucht, worin die Leistung des Erbens besteht. Ich habe nichts gefunden.
Dass neoliberale Politiker dieses System verteidigen, indem sie vom „fleißigen Unternehmer“ sprechen, ist intellektuell unerquicklich. Eine Erbschaftssteuer trifft nicht den Leistungserbringer, sondern den Leistungslosen mit Vermögensanschluss.
Die Wahrscheinlichkeit, ohne eigene Leistung Milliardär zu werden, liegt in diesem Fall also bei etwa 75 %.Mit Leistung: etwa 25 %.
Warum arbeitest du eigentlich noch?
Geld durch Versagen – die Königsklasse
Und schließlich: Kann man auch aus negativer Leistung Geld machen?
Ja. Und hier ist die Erfolgsquote beeindruckend.
In der Wirtschaft werden Vorstände selbst dann fürstlich bezahlt, wenn sie Milliardenverluste verursachen. Beispiel Siemens Energy: ein Milliardenloch – und ein Vorstand mit über 21 Millionen Euro Gesamtvergütung.
In der Politik ist es noch entspannter. Milliardenverluste, Fehlentscheidungen, Skandale – folgenlos. Wenn überhaupt, folgt ein nahtloser Übergang in einen gut dotierten Posten irgendwo anders.
Vielleicht besteht die eigentliche Leistung darin, in Positionen zu gelangen, in denen Leistung irrelevant ist.
Fazit – oder so etwas Ähnliches
Leistung ist moralisch überbewertet und ökonomisch unzuverlässig.
Sie kann sich lohnen – muss aber nicht.
Nicht-Leistung lohnt sich oft.
Versagen lohnt sich fast immer.
Vielleicht ist das alles gar nicht so ernst gemeint.
Vielleicht ist dieser Text nur eine Polemik.
Oder vielleicht ist genau das der Punkt: Dass wir ein System ernst nehmen, das Leistung predigt und Ungleichheit belohnt.
Wer weiß.



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