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Wenn der Storch den Mindestlohn bringt – Die Politik und ihre Liebe zur falschen Kausalität

  • vor 14 Stunden
  • 3 Min. Lesezeit
Karikatur zur Verwechslung von Korrelation und Kausalität in der Politik

Zwei Ereignisse – und schon wird eine Heldengeschichte erfunden

Es gehört zu den bemerkenswertesten Talenten der Politik, aus einem bloßen zeitlichen Zusammentreffen eine Erfolgsgeschichte zu basteln. Steigen die Staatsausgaben und verbessert sich gleichzeitig irgendein Messwert, steht der Schuldige – oder besser gesagt der Held – sofort fest: Das Geld war die Ursache.


Nach dieser Logik müsste der Hahn dafür verantwortlich sein, dass jeden Morgen die Sonne aufgeht. Schließlich kräht er vorher.


Was hier passiert, ist ein klassischer Denkfehler: Die Verwechslung von Korrelation und Kausalität. Zwei Dinge treten gemeinsam auf, also muss das eine das andere verursacht haben. Logisch klingt das nur solange, bis man beginnt nachzudenken.


Die Wissenschaft ist weniger romantisch

In der Wissenschaft genügt zeitliches Zusammentreffen nicht als Beweis. Dort stellt man unbequeme Fragen.


Gab es andere Einflüsse?

Welche Entwicklungen hätten auch ohne die Maßnahme stattgefunden?

Gab es wirtschaftliche Zyklen, technologische Innovationen oder internationale Veränderungen?

Sind die beobachteten Effekte vielleicht erst Jahre später entstanden oder bereits vorher begonnen?


Diese Fragen sind keine Haarspalterei. Sie sind der Unterschied zwischen Erkenntnis und Wunschdenken.


Deshalb arbeiten Ökonomen, Sozialwissenschaftler und Naturwissenschaftler mit Kontrollgruppen, Langzeitstudien, statistischen Modellen und sogenannten Drittvariablen.


Sie versuchen gerade zu verhindern, dass zufällige Zusammenhänge als Ursachen verkauft werden.


Denn Korrelation ist kein Kausalitätsnachweis. Sie ist höchstens eine Einladung, genauer hinzusehen.


Der Lieblingsfehler der Politik

Politik dagegen liebt einfache Geschichten.


Programm beschlossen.

Milliarden ausgegeben.

Irgendein positiver Indikator erscheint.

Also war das Programm erfolgreich.


Dass sich gleichzeitig die Weltwirtschaft erholt hat, Unternehmen investierten, technischer Fortschritt stattfand oder sich gesellschaftliches Verhalten unabhängig von staatlichen Maßnahmen verändert hat, verschwindet elegant aus der Erzählung.


Wer jede positive Entwicklung automatisch der eigenen Politik zuschreibt, müsste konsequenterweise auch jeden negativen Effekt übernehmen. Seltsamerweise funktioniert diese Logik meist nur in eine Richtung.


Geld ersetzt keine Begründung

Besonders faszinierend wird es, wenn steigende Ausgaben selbst als Erfolgsbeweis gelten.


Es entsteht eine beinahe religiöse Vorstellung: Mehr Geld bedeutet automatisch mehr Wirkung.


Doch Ausgaben sind keine Ergebnisse.


Ein Krankenhaus wird nicht besser, weil sein Budget wächst.

Eine Schule wird nicht erfolgreicher, weil mehr Geld fließt.

Eine Behörde arbeitet nicht effizienter, weil sie größere Gebäude beziehen darf.


Zwischen Ressourceneinsatz und Ergebnis liegt immer die unbequeme Frage nach der Wirksamkeit.


Wer diese Frage nicht stellt, verwechselt Aufwand mit Leistung.


Warum dieser Denkfehler so teuer wird

Die eigentliche Gefahr liegt nicht in einzelnen Fehlentscheidungen.


Sie liegt darin, dass Lernen unmöglich wird.


Wenn jede Maßnahme unabhängig vom tatsächlichen Ergebnis als Erfolg interpretiert wird, gibt es keinen Anlass zur Korrektur.


Programme werden verlängert.

Budgets erhöht.

Neue Behörden geschaffen.

Weitere Förderprogramme aufgelegt.


Nicht weil ihre Wirksamkeit überzeugend nachgewiesen wäre, sondern weil ihre Existenz selbst bereits als Begründung dient.


So entsteht ein politisches Perpetuum mobile der Selbstbestätigung.


Philosophie beginnt dort, wo Geschichten enden

Der Philosoph David Hume wies bereits im 18. Jahrhundert darauf hin, dass Menschen Ursache und Wirkung oft vorschnell miteinander verbinden. Nur weil zwei Ereignisse regelmäßig gemeinsam auftreten, folgt daraus noch keine notwendige Verbindung.


Unser Gehirn liebt Muster.

Es hasst Unsicherheit.

Lieber eine falsche Erklärung als gar keine.


Diese Eigenschaft war evolutionär vermutlich hilfreich. Wer hinter jedem Rascheln einen möglichen Räuber vermutete, lebte länger als derjenige, der erst eine statistische Analyse verlangte.


Für moderne Politik ist derselbe Reflex allerdings ein denkbar schlechter Berater.


Logik ist unbequem – aber billiger

Eine rationale Politik müsste ständig fragen:

  • Was wäre ohne diese Maßnahme passiert?

  • Welche alternativen Erklärungen gibt es?

  • Lässt sich der behauptete Zusammenhang tatsächlich nachweisen?

  • Welche unbeabsichtigten Nebenwirkungen entstehen?


Diese Fragen sind unerquicklich. Sie gefährden Pressekonferenzen, Wahlversprechen und Erfolgsmeldungen.


Aber sie schützen vor Milliardeninvestitionen, deren Wirkung hauptsächlich auf PowerPoint-Folien existiert.


Logik verlangt keine perfekten Antworten.


Sie verlangt lediglich, Ursache und Zufall nicht miteinander zu verwechseln.


Das ist weniger spektakulär als politische Selbstinszenierung.


Dafür funktioniert es erstaunlich viel häufiger.


Beispiel: Rekordinvestitionen im Bundeshaushalt

Die Bundesregierung begründet den Haushalt 2026 unter anderem damit, dass höhere staatliche Investitionen zu mehr Wirtschaftswachstum, höherer Wettbewerbsfähigkeit und mehr Wohlstand führen sollen.


Die logische Schwachstelle entsteht dort, wo aus einer späteren wirtschaftlichen Verbesserung automatisch geschlossen wird:


"Die zusätzlichen Staatsausgaben haben das Wachstum verursacht."


Das ist wissenschaftlich nicht belegt, solange andere Einflussfaktoren nicht ausgeschlossen wurden.


Denn gleichzeitig können beispielsweise

  • sinkende Energiepreise,

  • Zinssenkungen der Europäischen Zentralbank,

  • eine Erholung der Weltwirtschaft,

  • steigende Exporte,

  • technologische Innovationen oder

  • private Investitionen

denselben Effekt verursacht oder zumindest mitverursacht haben.


Erst eine sorgfältige ökonomische Analyse kann versuchen, den tatsächlichen Beitrag einzelner Maßnahmen voneinander zu trennen. Andernfalls bleibt lediglich eine Korrelation, keine nachgewiesene Ursache.


Gerade deshalb formulieren seriöse Wissenschaftler ihre Aussagen meist vorsichtig ("dürfte beigetragen haben", "ist vereinbar mit"), während politische Kommunikation häufig sehr viel eindeutiger klingt.


Das ist der Unterschied zwischen wissenschaftlicher Kausalitätsprüfung und politischem Erfolgsmarketing.

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