Lotto – Die staatlich organisierte Hoffnungslosigkeit
- breinhardt1958
- 12. Okt. 2025
- 3 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 8. Jan.

Neulich stand ich in einem jener Kioske, in denen man Zeitungen, Alkohol, Tabak und andere legale Betäubungsmittel erwerben kann. Vor mir: genau ein Kunde. Ich glaubte bereits, dass das Schicksal es gut mit meiner Zeit meinte.
Der Mann vor mir machte nicht den Eindruck, als hätte ihn das Leben besonders großzügig bedacht. Eher jemand, der gelernt hat, Erwartungen niedrig zu halten. Umso überraschter war ich, als er begann, Lottoscheine zu bestellen. Mehrere. Unterschiedlichste Varianten. Ich kenne mich da nicht aus – aber die Kassiererin war so etwas offenbar gewohnt.
Als der Betrag die 100-Euro-Marke überschritt, begann er, in seiner Brieftasche nach Münzen zu wühlen. Kleingeld. Der letzte Rest.
War er Optimist? Verzweifelt? Oder hatte er Mathematik bereits im Kindergarten innerlich gekündigt? Ich weiß es nicht. Aber werfen wir einen nüchternen Blick auf das, was er da eigentlich tat.
Was bekomme ich fürs Geld?
Kurzfassung: Für jeden eingesetzten Euro erhält der Lottospieler im Durchschnitt etwa 50 Cent zurück.
Damit ist Lotto eines der schlechtesten „Geschäfte“, die man legal abschließen kann. Andere Glücksspiele sind – rein mathematisch – großzügiger.
Wo bleibt der Rest?
Ungefähr hier (je nach Bundesland leicht variierend):
~50 % – Gewinnausschüttung
~23–25 % – Zweckabgaben für Sport, Kultur, Soziales
~16 % – Vertrieb, Verwaltung, Werbung
~7–10 % – Lotteriesteuer
Mit anderen Worten: Lotto ist eine freiwillige Sondersteuer im Hoffnungsmantel.
Warum also spielt jemand Lotto?
Rein logisch lassen sich – wohlwollend – einige Motive konstruieren:
Er will gewinnen, aber bitte mit besonders schlechten Chancen. Merkwürdig nur, dass empirisch gerade der Traum vom „großen, schnellen Geld“ dominiert.
Er will den Sport fördern. Dann wäre eine Spende zielgenauer. Und ehrlicher.
Er mag die Verkäuferin. Ein Lächeln wäre billiger.
Er hält Politiker für unterfinanziert. An dieser Stelle breche ich ab. Selbstschutz.
Oder – und das ist die wahrscheinlichste Erklärung – er versteht Wahrscheinlichkeiten nicht. Und damit ist er keineswegs allein.
Ein kurzer methodischer Einschub
Als Logiker interessiert mich nicht, warum Menschen Unsinn denken, sondern dass sie es tun. Unsinn ist die Folge fehlerhafter Schlüsse.
Kognitionspsychologen nennen das eleganter: Biases and Heuristics. Gemeint ist dasselbe. Der Unterschied ist nur die Perspektive.
Und leider – das ist das Beunruhigende – funktionieren diese Verzerrungen nicht nur bei „den anderen“. Auch bei mir. Besonders bei mir.
Fünf Denkfehler, die Lotto erst möglich machen
Wir halten Ereignisse für häufig, wenn sie uns leicht einfallen.
Lottospieler:„Letzte Woche hat wieder jemand 10 Millionen gewonnen.“
Ja. Jemand. Nicht du. Und auch nicht fast jeder.
2. Kontrollillusion
Wir verhalten uns so, als könnten wir Zufall beeinflussen.
Lottospieler:„Mit meinen Glückszahlen habe ich bessere Chancen.“
Nein. Du hast Zahlen gewählt. Mehr nicht. Der Zufall kennt dich nicht.
3. Repräsentativitätsheuristik
Wir erwarten, dass Zufall „ordentlich“ aussieht.
Lottospieler:„1-2-3-4-5-6 kann nicht kommen.“
Doch. Kann es. Ist genauso wahrscheinlich wie jede andere Kombination.
4. Ankereffekt
Irrelevante Informationen beeinflussen Entscheidungen.
Lottospieler:„Ich habe heute die 17 getippt.“
Vielleicht, weil du mit der Straßenbahn 17 gefahren bist. Dein Gehirn weiß das noch. Du nicht.
5. Emotionales Schlussfolgern
Gefühle werden für Tatsachen gehalten.
Lottospieler:„Wenn ich gewinne, wird alles gut.“
Das ist keine Analyse. Das ist Hoffnung. Und Hoffnung ist kein Argument.
Und warum spielen Menschen trotzdem?
Weil sie:
träumen wollen
Rituale lieben
dazugehören möchten
Verluste kleinrechnen
an Gerechtigkeit glauben
dem Schicksal ein Gesicht geben wollen
Kurz: weil sie Menschen sind.
Fazit
Lottospielen lässt sich rational nicht begründen.
Psychologisch dagegen sehr wohl.
Soll man davon abraten? Nein. Freiheit ist wichtiger als Vernunft.
Aber:
Wenn aus Hoffnung Verdrängung wird,
aus Spiel Gewohnheit,
und aus ein paar Euro pro Woche ein strukturelles Problem –
dann ist eine Grenze überschritten.
Also:
Spiel. Aber vergiss nicht, dass das Leben außerhalb des Kiosks stattfindet.
Viel Glück.
Du wirst es brauchen.



Kommentare