Meinungsfreiheit schützt Meinungen – nicht ihre Gleichwertigkeit mit Wissen
- breinhardt1958
- 14. Sept. 2025
- 3 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 4. Jan.

Meinungsfreiheit gehört zu den Grundpfeilern moderner Demokratien. Sie ist verfassungsrechtlich abgesichert – etwa in Artikel 5 des Grundgesetzes – und völkerrechtlich anerkannt, etwa in der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte der Vereinten Nationen. Ohne Demokratie keine Meinungsfreiheit, aber ohne Meinungsfreiheit auch keine Demokratie. Das klingt banal, ist aber wahr.
Nicht zufällig gilt der Umgang eines Staates mit Meinungsfreiheit als Gradmesser für seine Menschenrechtslage. Wo Menschen ihre Überzeugungen frei äußern dürfen, ohne Repression fürchten zu müssen, entstehen offene, pluralistische Gesellschaften. Wo das freie Wort unterdrückt wird, herrscht Angst – und Angst ist kein guter Nährboden für Wahrheit.
Eine Gesellschaft, die Meinungsfreiheit achtet und zugleich klug begrenzt, schafft die Voraussetzung für ein friedliches Zusammenleben. Sie schützt den Diskurs – nicht die Beliebigkeit.
Für Meinungsfreiheit sind Menschen bereit zu kämpfen, zu leiden, ja ihr Leben zu riskieren. Die Geschichte der DDR ist ein eindrückliches Beispiel: Jahrzehntelange Unterdrückung des freien Wortes führte in den 1980er-Jahren zu wachsendem Widerstand. Die friedliche Revolution von 1989 war nicht zuletzt ein Aufstand gegen das Schweigegebot. Es ging um das elementare Recht, öffentlich sprechen zu dürfen – ohne Angst.
So weit, so gut.
Doch genau hier beginnt das Problem.
Das Paradox der Meinungsfreiheit
Meinungsfreiheit schützt den Diskurs – und damit alles, was in ihm vorkommt: Wahrheit und Irrtum, Erkenntnis und Vorurteil, Argument und bloße Polemik. Sie schützt nicht nur kluge Kritik, sondern auch Unsinn, Irrationalität und im Extremfall sogar gefährliche Überzeugungen.
Das ist kein Fehler der Meinungsfreiheit, sondern ihr Preis.
Der Fehler beginnt dort, wo aus dem Recht auf Meinungsäußerung ein Anspruch auf epistemische Gleichwertigkeit gemacht wird. Wo jede Meinung so behandelt wird, als stünde sie auf derselben Stufe wie begründetes Wissen.
Um zu verstehen, warum das ein Kategorienfehler ist, lohnt ein kurzer Blick in die Erkenntnislogik.
Wissen, Glaube, Meinung – kein Wortspiel, sondern ein Unterschied
Es gibt eine Logik, die sich explizit mit dem Unterschied zwischen „Ich weiß“ und „Ich glaube“ beschäftigt: die epistemische Logik. Sie ist anspruchsvoller als klassische Aussagen- oder Prädikatenlogik und wird häufig mithilfe der Kripke-Semantik interpretiert – also mit möglichen Welten.
Vereinfacht:
Es gibt zwei mögliche Welten:
w₁: p ist wahr
w₂: ¬p ist wahr
Ein Agent a kann nicht unterscheiden, in welcher Welt er sich befindet. Seine epistemische Relation verbindet w₁ und w₂.
Selbst wenn die tatsächliche Welt w₁ ist (also p gilt), kann man nicht sagen: a weiß, dass p. Denn aus seiner Perspektive ist w₂ ebenfalls möglich. Wissen setzt voraus, dass p in allen für den Agenten möglichen Welten gilt.
Erst dann darf man schreiben:
Kₐp – Agent a weiß, dass p.
Ist doch eigentlich ganz einfach.
Der entscheidende Unterschied
Aus dieser Struktur ergeben sich fundamentale Differenzen zwischen Wissen und Glaube bzw. Meinung:
Faktivität
Wissen: Kₐp → p (Wer etwas weiß, kann sich nicht irren.)
Glauben/Meinung: nicht faktiv (Man kann problemlos Falsches glauben.)
Konsistenz
Wissen: trivial konsistent (Widersprüchliches Wissen ist ausgeschlossen.)
Glauben: Bₐp → ¬Bₐ¬p (Zumindest idealerweise glaubt man nicht gleichzeitig p und ¬p – empirisch sieht es oft anders aus.)
Negative Introspektion
Wissen: ¬Kₐp → Kₐ¬Kₐp (Wer etwas nicht weiß, weiß, dass er es nicht weiß.)
Glauben: wird oft nicht angenommen (Menschen wissen erstaunlich häufig nicht, dass sie etwas nicht glauben oder nicht begründet glauben.)
Was folgt daraus?
Meinungen haben ihre Berechtigung – als Ausdruck individueller Freiheit. Aber Wissen verdient mehr Achtung, weil es an Wahrheit und Begründung gebunden ist.
Wer Wissen und Meinung gleichsetzt, verwischt den Unterschied zwischen Erkenntnis und Beliebigkeit. Er ersetzt Vernunft durch Lautstärke und Argumente durch Befindlichkeiten.
Wissen verdient mehr Achtung,
weil es über individuelle Willkür hinaus Geltung beansprucht,
weil es Gesellschaften vor realem Schaden schützt,
weil es der Motor wissenschaftlichen, technischen und moralischen Fortschritts ist.
Ohne Wissen gäbe es keinen Fortschritt – nur Meinungszyklen.
Warum also diese Fixierung auf Meinungen?
Warum dominiert Meinungsfreiheit unser Denken, während Wissen oft nur achselzuckend akzeptiert wird?
Ein paar unbequeme Antworten:
Meinungen begleiten uns permanent, Wissen brauchen wir oft nur punktuell – etwa zur Problemlösung.
Menschen bevorzugen die Produkte ihres eigenen Denkens, selbst wenn sie absurd sind. Es sind ihre Gedanken.
Wahrheit zu erkennen ist mühsam. Eine Meinung zu haben ist bequem.
Wissen ist oft unbequem, manchmal schmerzhaft – und Schmerzen sollen vermieden werden.
Meinungsfreiheit ist ein hohes Gut.
Aber sie schützt das Recht zu sprechen, nicht das Recht, recht zu haben.
Und wer diesen Unterschied nicht mehr sehen will, gefährdet genau das, was er zu verteidigen vorgibt: eine vernunftbasierte, aufgeklärte Gesellschaft.



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