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Neues Jahr, alter Mensch: Eine kurze Geschichte des Scheiterns (gute Vorsätze)

  • breinhardt1958
  • 16. Dez. 2025
  • 5 Min. Lesezeit

Dieser Beitrag ist ein meinungsstarker Kommentar. Er will erklären, einordnen und kritisieren – nicht motivieren, beraten oder verbessern.




Der Jahreswechsel ist ein merkwürdiger Moment. Menschen stehen mit Sektglas in der Hand, zählen eine willkürliche Zahl herunter und glauben ernsthaft, sie hätten gerade einen Neustart ihres Lebens vollzogen. Zack – neues Jahr, neuer Mensch. Dieselbe Wohnung, derselbe Körper, dieselben Ausreden. Aber jetzt mit Vorsätzen.


Kaum etwas zeigt die menschliche Selbstüberschätzung so zuverlässig wie der Neujahrsvorsatz. Er ist der feierliche Schwur, ab morgen alles anders zu machen – und übermorgen wieder exakt so wie vorher.


Warum also ist es besonders dumm, ausgerechnet zum Jahreswechsel gute Vorsätze zu fassen? Setzen wir die Partyhüte ab und schauen genauer hin.


1. Der Kalender ist kein Charaktertrainer

Der 31. Dezember ist kein magischer Übergang, sondern ein Datum. Ein Verwaltungsakt. Ein Excel-Wechselblatt des Universums. Wer glaubt, persönliche Veränderung hänge an einer Kalenderzahl, glaubt vermutlich auch, dass Fitnessstudios im Januar bessere Luft haben.


Philosophisch betrachtet ist das Jahr eine konventionelle Zeitstruktur, kein existenzieller Wendepunkt. Aristoteles hätte höflich genickt und innerlich gelacht: Tugend entsteht durch Übung, nicht durch Terminwahl.


Oder einfacher gesagt: Dein Schweinehund kennt den Kalender nicht.


2. Neujahrsvorsätze sind sozialer Gruppenzwang mit Glitzer

Niemand fasst Vorsätze im stillen Kämmerlein, weil er tief in sich eine rationale Entscheidung getroffen hat. Neujahrsvorsätze entstehen in Gruppen, unter Alkohol, mit Applaus. Sie sind weniger Selbstverpflichtung als soziales Ritual.


Man sagt nicht: „Ich will mich verändern“, sondern: „Ich will nicht der Einzige sein, der nichts verspricht.“


Das Ergebnis sind Vorsätze wie:

  • mehr Sport

  • gesünder essen

  • weniger Handy

  • mehr Achtsamkeit (aber bitte ohne Aufwand)


Allesamt diffus, moralisch aufgeladen und maximal unverbindlich. Kein Plan, keine Strategie, aber viel Hoffnung. Hoffnung ist allerdings kein Handlungsersatz.


3. Psychologisch maximal ungünstig

Der Jahreswechsel fällt in eine Phase kollektiver Erschöpfung:

  • körperlich überfressen

  • mental überreizt

  • emotional übersättigt

  • sozial ausgelaugt


Und genau dann beschließt man, Disziplin, Verzicht und Selbstkontrolle zu erhöhen. Das ist ungefähr so klug, wie nach einer Grippe einen Marathon zu planen, „weil jetzt ja ein neues Trainingsjahr beginnt“.


Die Verhaltenspsychologie ist hier erstaunlich eindeutig: Veränderung gelingt besser in stabilen, energiegeladenen Phasen, nicht im emotionalen Trümmerfeld zwischen Raclette und Steuererklärung.


Der Januar ist kein Neuanfang. Er ist ein Kater.


4. Vorsätze ersetzen Denken durch Moral

Ein guter Vorsatz klingt gut, weil er moralisch sauber ist. Wer sich vornimmt, „besser“ zu werden, steht automatisch auf der richtigen Seite. Leider ist Moral kein Werkzeug, sondern nur ein Etikett.


„Ich will mehr Sport machen“ ist keine Entscheidung. „Ich will ab dem 12. März dreimal pro Woche jeweils 30 Minuten laufen, egal bei welchem Wetter“ wäre eine.


Neujahrsvorsätze bleiben absichtlich unkonkret. So kann man sie später brechen, ohne sich schuldig zu fühlen. Man hat es ja versucht.


Der Vorsatz dient nicht der Veränderung, sondern der Selbstentlastung.


5. Die Illusion des radikalen Neustarts

Der vielleicht dümmste Gedanke am Neujahrsvorsatz ist dieser: Ab jetzt wird alles anders.


Das ist nicht Optimismus, das ist Realitätsverweigerung. Menschen verändern sich nicht explosionsartig, sondern inkrementell, widerwillig und meist unter Druck.


Nietzsche hätte gesagt: „Werde, der du bist.“ Der Neujahrsvorsatz sagt: „Tu so, als wärst du jemand anderes.“


Das Scheitern ist eingebaut. Und es folgt zuverlässig:

  • Januar: Euphorie

  • Februar: Ausreden

  • März: Selbstverachtung

  • April: Vergessen


Ein perfekt funktionierender Kreislauf der Selbsttäuschung.


6. Wer wirklich etwas ändern will, braucht keinen Anlass

Menschen, die tatsächlich etwas verändern, tun das selten am 1. Januar. Sie tun es:

  • nach einem Schock

  • nach einer ehrlichen Selbsterkenntnis

  • nach einem schmerzhaften Verlust

  • oder schlicht aus stiller Unzufriedenheit


Echte Veränderung beginnt nicht mit Feuerwerk, sondern mit Unbehagen. Mit der Einsicht, dass Weiter-so keine Option mehr ist.


Der Neujahrsvorsatz dagegen ist bequem. Er verschiebt Verantwortung in die Zukunft und tarnt Passivität als Willenskraft.


Fazit: Der Vorsatz ist das Placebo der Selbstoptimierung

(Und ja: Er wirkt ungefähr so gut.)


Neujahrsvorsätze funktionieren nicht, weil sie nicht funktionieren sollen. Sie sind symbolische Handlungen, keine echten Entscheidungen. Sie beruhigen das Gewissen, ohne das Leben zu verändern.


Wer wirklich etwas ändern will, braucht:

  • Klarheit statt Kalender

  • Struktur statt Symbolik

  • Ehrlichkeit statt Hoffnung


Oder, noch kürzer:


Der Jahreswechsel ändert nichts. Aber er liefert eine hervorragende Ausrede, es trotzdem zu glauben.

„Der Mensch liebt den Neubeginn – solange er nichts kostet.“

Ein Hoch auf das neue Jahr. Möge es genauso werden wie das alte. Nur mit besseren Ausreden.


FAQ: Die ehrliche Abrechnung mit guten Vorsätzen

Warum halten Neujahrsvorsätze fast nie?

Weil sie auf Motivation statt auf Struktur setzen. Motivation ist ein Gefühl. Gefühle verschwinden. Strukturen bleiben – Vorsätze nicht.

Sind gute Vorsätze grundsätzlich sinnlos?

Nein. Sinnlos ist nur der Zeitpunkt und die Form. Veränderung braucht Klarheit, nicht Konfetti.

Warum fühlt man sich nach dem Scheitern so schlecht?

Weil man moralisch versprochen hat, besser zu werden – ohne die Mittel dafür bereitzustellen. Das erzeugt Schuld statt Erkenntnis.

Was wäre eine bessere Alternative zum Neujahrsvorsatz?

Ein einzelner, konkret messbarer Schritt. Ohne Publikum. Ohne Datum. Ohne Pathos.


Was sagt die Psychologie?

Kurzfassung: Neujahrsvorsätze scheitern nicht an mangelnder Moral, sondern an vorhersehbaren Denkfehlern.

Die Psychologie kennt das Phänomen seit Jahrzehnten – und ist sich erstaunlich einig:

  • Falsches Timing: Verhaltensänderungen gelingen eher in stabilen, energiegeladenen Phasen. Der Jahreswechsel ist emotional, körperlich und kognitiv ein Tiefpunkt. Wer hier Disziplin plant, plant gegen die Biologie.

  • Motivations-Illusion: Vorsätze setzen auf Anfangseuphorie. Motivation ist jedoch volatil. Ohne feste Auslöser, Routinen und Konsequenzen fällt das Verhalten auf den alten Standard zurück.

  • Abstraktionsfalle: „Mehr Sport“, „gesünder leben“, „achtsamer sein“ sind keine Handlungen, sondern Wunschformeln. Das Gehirn kann Abstraktes nicht umsetzen – es braucht konkrete, kleine Schritte.

  • Öffentliche Selbstverpflichtung ohne Struktur: Das soziale Bekenntnis ersetzt Planung. Man fühlt sich bereits moralisch besser, bevor man irgendetwas getan hat. Psychologisch nennt man das vorweggenommene Belohnung.

  • Alles-oder-nichts-Denken: Ein verpasster Tag wird als Scheitern interpretiert. Die Folge ist Aufgabe statt Anpassung. Perfektionismus ist der heimliche Totengräber jeder Gewohnheit.

Psychologisches Fazit: Neujahrsvorsätze sind schlecht designt. Sie ignorieren, wie menschliches Verhalten tatsächlich funktioniert – und wundern sich dann über das Ergebnis.


Was sagt die Philosophie?

Die Philosophie ist in dieser Frage erstaunlich unsentimental.

  • Aristoteles hätte den Neujahrsvorsatz als Kategorienfehler bezeichnet: Tugend entsteht durch wiederholte Handlung, nicht durch Willensbekundung. Wer nur beschließt, gut zu handeln, handelt noch lange nicht gut.

  • David Hume wusste bereits, dass der Wille der Gewohnheit folgt – nicht umgekehrt. Der Vorsatz glaubt an eine souveräne Vernunft, die den Menschen steuert. Die Philosophie nennt das: Selbstüberschätzung.

  • Nietzsche schließlich hätte den Neujahrsvorsatz verachtet. Nicht, weil er Veränderung ablehnt, sondern weil er das Werden mit Theater verwechselt. Wer sich einmal im Jahr neu erfindet, wird vor allem eines: lächerlich.

Philosophisches Fazit: Der Neujahrsvorsatz ist kein Ausdruck von Freiheit, sondern ein Ritual der Selbsttäuschung. Er ersetzt Praxis durch Pathos – und nennt das dann Charakter.


Also: Ein Neujahrsvorsatz ist der feierliche Beweis dafür, dass Menschen lieber an Kalender glauben als an Konsequenzen.


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