Reden, um nicht zu verstehen – Kommunikation als rationalisierte Irrationalität
- breinhardt1958
- 24. Jan.
- 6 Min. Lesezeit

Kommunikation gilt als Königsweg der Konfliktlösung. „Man muss nur reden“, heißt es, besonders in Paarbeziehungen. Der Satz ist so verbreitet wie falsch. Denn viele Paarkonflikte scheitern nicht an mangelnder Kommunikation, sondern an ihrer systematischen Zweckentfremdung. Es wird geredet – viel sogar –, aber nicht, um zu klären, sondern um zu stabilisieren. Nicht die Beziehung, sondern das eigene Selbstbild.
Was dabei entsteht, ist eine spezifische Form rationalisierter Irrationalität: kommunikatives Verhalten, das äußerlich vernünftig, reflektiert und moralisch erscheint, innerlich aber konsequent der Konfliktvermeidung, Selbstrechtfertigung und Verantwortungsabwehr dient.
Missverständnis als Mythos
Der populäre Erklärungsrahmen für Beziehungskonflikte lautet: Missverständnisse. Man habe sich „nicht richtig verstanden“, „aneinander vorbeigeredet“ oder „unterschiedliche Sprachen gesprochen“. Dieser Rahmen ist bequem, denn er impliziert Symmetrie und Unschuld. Niemand liegt wirklich falsch, man war nur unklar.
In der Praxis ist das selten zutreffend. Viele Konflikte sind vollkommen verstanden – nur nicht akzeptiert. Bedürfnisse sind klar formuliert, Erwartungen ausgesprochen, Grenzen benannt. Das Problem ist nicht epistemisch (Unwissen), sondern strategisch: Das Verstehen würde Konsequenzen nach sich ziehen, die das eigene Selbstbild oder die eigene Bequemlichkeit bedrohen.
Kommunikative Unklarheit ist dann kein Defizit, sondern ein Werkzeug.
Zirkuläre Vorwürfe ohne Klärungsinteresse
Ein typisches Muster sind zirkuläre Vorwürfe. Aussagen wie:
„Du hörst mir nie zu.“
„Du gehst immer sofort in die Defensive.“
„Man kann mit dir nicht reden.“
Diese Sätze wirken auf den ersten Blick metakommunikativ und reflektiert. Tatsächlich sind sie argumentativ leer. Sie enthalten keine überprüfbaren Inhalte, keine konkreten Situationen, keine handlungsleitenden Konsequenzen. Ihre Funktion ist nicht Klärung, sondern Positionierung.
Formallogisch handelt es sich um selbstabdichtende Aussagen: Jede Reaktion des Gegenübers kann als Bestätigung des Vorwurfs interpretiert werden. Widerspruch gilt als Beweis mangelnder Einsicht, Zustimmung als Schuldeingeständnis. Kommunikation wird hier zum geschlossenen System ohne Ausgang.
Das Ziel ist nicht Lösung, sondern moralische Überlegenheit.
Selektives Erinnern als Selbstschutz
Ein weiteres zentrales Element rationalisierter Irrationalität ist das selektive Erinnern gemeinsamer Gespräche. Aussagen wie „Das haben wir doch schon geklärt“ oder „So habe ich das nie gesagt“ sind nicht zwangsläufig Lügen. Sie sind häufig das Resultat kognitiver Selbstschutzmechanismen.
Menschen erinnern nicht Gespräche, sondern Narrative. Und Narrative werden nachträglich so geformt, dass sie konsistent mit dem eigenen Selbstbild bleiben: als fair, verständnisvoll, kompromissbereit. Widersprüche werden ausgeblendet, Ambivalenzen geglättet, eigene Beiträge zum Konflikt minimiert.
Kommunikation verliert dadurch ihre historische Verlässlichkeit. Sie wird nicht mehr zur gemeinsamen Realität, sondern zu zwei parallelen Gedächtnisräumen, die nur dort überlappen, wo es dem Selbstbild nicht schadet.
Die Moralifizierung eigener Bedürfnisse
Besonders wirksam – und besonders destruktiv – ist die moralische Aufladung eigener Bedürfnisse. Wünsche werden nicht als subjektiv, kontingent oder verhandelbar präsentiert, sondern als ethisch geboten:
„In einer gesunden Beziehung sollte man…“
„Wenn du mich wirklich respektieren würdest…“
„Das ist doch das Mindeste.“
Diese Rhetorik verschiebt den Konflikt von der Sachebene auf die Charakterebene. Wer widerspricht, widerspricht nicht einem Wunsch, sondern einer moralischen Norm. Damit wird Dissens delegitimiert, bevor er überhaupt artikuliert werden kann.
Das Bedürfnis selbst bleibt dabei unangetastet und unhinterfragt. Kommunikation dient nicht der gemeinsamen Aushandlung von Interessen, sondern der Immunisierung eigener Ansprüche.
Kommunikation als Stabilisierung von Dummheit
In all diesen Mustern erfüllt Kommunikation eine paradoxe Funktion: Sie verhindert Erkenntnis, statt sie zu ermöglichen. Sie erzeugt Bewegung ohne Fortschritt, Austausch ohne Annäherung, Worte ohne Verständnis.
Dummheit zeigt sich hier nicht als Mangel an Intelligenz oder Bildung, sondern als strukturelle Weigerung, Konsequenzen aus Einsichten zu ziehen. Man weiß genug, um rationalisieren zu können, aber nicht genug – oder nicht mutig genug –, um sich selbst infrage zu stellen.
Gerade reflektierte, sprachlich versierte Menschen sind für diese Form besonders anfällig. Sie können ihre Irrationalität besser begründen, eleganter formulieren und moralisch absichern. Kommunikation wird dann nicht zum Mittel der Überwindung von Konflikten, sondern zu ihrer dauerhaften Konservierung.
Der Preis der Verständigungsunwilligkeit
Der langfristige Effekt ist eine Beziehung, die kommunikativ überversorgt, aber emotional unterernährt ist. Man redet viel, versteht wenig und verändert nichts. Nähe wird simuliert, Verantwortung delegiert, Konflikte ritualisiert.
Ironischerweise steigt mit zunehmender Kommunikationsintensität oft die Frustration. Denn jede weitere „Aussprache“ bestätigt implizit, dass Reden nichts bewirkt – und trotzdem fortgesetzt wird. Kommunikation wird zum Ersatz für Handlung.
Was echte Kommunikation verlangen würde
Echte Kommunikation ist unbequem. Sie verlangt:
die Anerkennung eigener Widersprüche,
die Bereitschaft, Bedürfnisse als verhandelbar zu akzeptieren,
die Möglichkeit, im Unrecht zu sein,
und den Mut, Konsequenzen zu ziehen.
Sie ist kein Werkzeug zur Selbstbestätigung, sondern ein Risiko. Wer wirklich verstehen will, setzt sein Selbstbild aufs Spiel.
Deshalb ist strategische Verständigungsunwilligkeit so attraktiv. Sie erlaubt es, sich rational, moralisch und reflektiert zu fühlen – ohne etwas ändern zu müssen.
Fazit:
Nicht jedes Gespräch ist ein Schritt Richtung Erkenntnis. Viele sind raffinierte Umgehungsmanöver. Solange Kommunikation primär der Stabilisierung des eigenen Selbstbildes dient, bleibt sie rationalisierte Irrationalität – und damit Teil des Problems, nicht seiner Lösung.
Beispiel: Anna und Markus
Anna wünscht sich, dass Markus sich „mehr einbringt“. Gemeint sind Alltagsdinge: Planung, Organisation, emotionale Präsenz im Hintergrund. Sie hasst es, ständig daran erinnern zu müssen, dass der Müll rausgebracht, Arzttermine koordiniert oder Geburtstage bedacht werden. Für sie ist das keine Kleinigkeit, sondern ein Zeichen von Verbundenheit.
Sie sagt das allerdings selten direkt. Stattdessen fallen Sätze wie:
„Ich mache hier irgendwie alles allein“ oder „Du siehst einfach nicht, was anfällt.“
Markus hingegen wünscht sich mehr Nähe, mehr Körperlichkeit, mehr Sex. Für ihn ist das kein bloßes Bedürfnis, sondern der Kern von Beziehung: Intimität als Bestätigung, dass sie sich wollen. Er empfindet Annas Distanz als Ablehnung und reagiert darauf zunehmend gereizt.
Wenn er versucht, darüber zu sprechen, formuliert er ausführlich, analytisch, oft belehrend. Er erklärt, warum Kommunikation wichtig sei, warum Bedürfnisse ausgesprochen werden müssten, warum Rückzug destruktiv sei. Er meint es ernst – und fühlt sich dabei im Recht.
Anna erlebt diese Gespräche als Angriff. Nicht, weil sie den Inhalt nicht versteht, sondern weil sie sich durch seine Art moralisch unterlegen fühlt. Während Markus redet, wird sie still. Sie sagt wenig, weicht aus, fühlt sich überfordert. Später wirft sie ihm vor, er wolle sie „überreden“ oder „psychologisch zerlegen“.
Markus wiederum interpretiert Annas Sprachlosigkeit als Unreife oder emotionale Blockade. Er fühlt sich gezwungen, noch klarer, noch logischer zu argumentieren. Sein Ton wird ruhiger, aber kälter. Er erklärt ihr, was sie eigentlich fühlen müsste, warum ihre Reaktionen irrational seien und dass Nähe nun einmal Voraussetzung für Motivation im Alltag sei.
Beide fühlen sich unverstanden – obwohl sie sich präzise verstehen.
Anna schützt ihr Selbstbild als bemühte, überlastete Partnerin, indem sie ihre Wünsche nur indirekt äußert und Kritik moralisch rahmt: Wer liebt, sieht, was zu tun ist.
Markus schützt sein Selbstbild als reflektierter, beziehungsfähiger Mann, indem er Nähe zur Voraussetzung von Engagement erklärt und seine Frustration intellektuell legitimiert: Wer nicht reden kann, ist Teil des Problems.
Kommunikation findet statt. Viel sogar. Aber sie dient nicht der Annäherung, sondern der Stabilisierung der jeweiligen Positionen.
Anna redet, um nicht fordern zu müssen.
Markus redet, um nicht verzichten zu müssen.
Das Ergebnis ist ein klassischer Patt-Zustand:
Sie fühlt sich alleingelassen im Alltag.
Er fühlt sich emotional ausgehungert.
Und beide sind überzeugt, rational zu handeln.
Formallogische Analyse: Kommunikation als rationalisierte Irrationalität
1. Ausgangsannahmen (Prämissen)
A1 (Annas Bedürfnis):Anna wünscht sich mehr Engagement von Markus in den täglichen Pflichten der Beziehung.
M1 (Markus’ Bedürfnis):Markus wünscht sich mehr Nähe und sexuelle Intimität.
A2 (Annas Kommunikationsstrategie):Anna artikuliert ihre Wünsche nicht direkt, sondern indirekt oder implizit.
M2 (Markus’ Kommunikationsstrategie):Markus reagiert auf Annas Sprachlosigkeit mit ausführlichen, rationalisierenden Erklärungen aus einer Position kognitiver und moralischer Überlegenheit.
2. Implizite normative Prämissen
A3 (implizite Norm Annas):
Wenn jemand mich liebt, erkennt er notwendiges Engagement ohne explizite Aufforderung.
Formal:
Liebe → selbstständiges Erkennen von Beziehungsarbeit
M3 (implizite Norm Markus’):
Nähe und Sex sind Voraussetzungen für Motivation und Engagement in der Beziehung.
Formal:
fehlende Nähe → fehlendes Engagement erklärbar
Diese Normen werden nicht expliziert, sondern als selbstverständlich vorausgesetzt.
3. Konfliktdynamik als logische Struktur
3.1 Annas Schlussfolgerung
P1: Markus zeigt zu wenig alltägliches Engagement.
P2: Liebende Partner zeigen Engagement selbstständig.
C1: Markus liebt mich nicht ausreichend.
Da C1 emotional bedrohlich ist, wird sie nicht offen ausgesprochen, sondern kommunikativ verschleiert (Vorwürfe, Rückzug, Schweigen).
3.2 Markus’ Schlussfolgerung
P3: Anna verweigert Nähe und Sex.
P4: Nähe ist Voraussetzung für Beziehungsengagement.
C2: Annas Kritik an meinem Engagement ist unbegründet oder unfair.
Da C2 ebenfalls konfliktträchtig ist, wird sie nicht als Zurückweisung formuliert, sondern als Analyse verpackt.
4. Meta-Kommunikation als Verteidigungsmechanismus
4.1 Annas Reaktion auf Markus’ Reden
P5: Markus redet lange, analytisch, normativ.
P6: Moralische Belehrung impliziert Schuld oder Defizit.
C3: Markus greift mich an.
Folge: weitere Sprachvermeidung, emotionale Abschottung.
4.2 Markus’ Reaktion auf Annas Sprachlosigkeit
P7: Anna äußert ihre Bedürfnisse nicht klar.
P8: Erwachsene Beziehungen erfordern verbalisierte Bedürfnisse.
C4: Annas Verhalten ist irrational oder unreif.
Folge: noch stärkere Rationalisierung, längere Monologe.
5. Zirkulärer Fehlschluss (closed loop)
Die Interaktion bildet einen selbstverstärkenden Zirkel:
Anna artikuliert nicht →
Markus erklärt und belehrt →
Anna fühlt sich angegriffen →
Anna zieht sich weiter zurück →
Markus erlebt Sprachlosigkeit →
Markus intensiviert Erklärung →
→ Rückkehr zu 3
Formal:(A2 → M2) ∧ (M2 → A2↑)
Der Kommunikationsstil beider Parteien bestätigt jeweils die Ausgangsprämissen des anderen, ohne sie je zu prüfen.
6. Systematische Irrationalität
Wichtig: Keine der einzelnen Prämissen ist isoliert betrachtet offensichtlich falsch.
Die Irrationalität entsteht systemisch:
Bedürfnisse werden als Bedingungen formuliert, nicht als Wünsche.
Normative Annahmen werden nicht offengelegt.
Kommunikation dient der Rechtfertigung, nicht der Koordination.
Formal gesprochen:
Kommunikation wird nicht wahrheitsorientiert, sondern selbstbildstabilisierend eingesetzt.
7. Zentrale logische Fehler
Normativer Kurzschluss Eigene Bedürfnisse werden als moralische Selbstverständlichkeiten behandelt.
Immunisierung gegen Falsifikation Jede Reaktion des anderen gilt als Bestätigung der eigenen Position.
Kategoriensprung Praktische Konflikte werden als Charakter- oder Reifeprobleme interpretiert.
8. Fazit (formallogisch)
Die Beziehung scheitert nicht an inkompatiblen Bedürfnissen, sondern an der logischen Struktur der Kommunikation:
Beide Partner verwenden Kommunikation nicht zur Prüfung ihrer Annahmen, sondern zur Verteidigung ihrer impliziten Normen.
Damit erfüllt Kommunikation exakt die Funktion, die sie vermeiden sollte:
Sie stabilisiert Irrationalität durch rationale Mittel.



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