Remigration light
- breinhardt1958
- vor 16 Minuten
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Wie man extrem bleibt, ohne es sagen zu müssen
Wahlkampf ist die Zeit der politischen Wunder. Parteien entdecken plötzlich Herz, Vernunft oder Anstand – meist exakt so lange, bis die Stimmen ausgezählt sind. Besonders beeindruckend zeigt sich aktuell die AfD. Ihr jahrelang gepflegter Kampfbegriff „Remigration“ soll auf einmal ganz falsch verstanden worden sein. Zu hart. Zu radikal. Zu böse interpretiert. Man habe das alles nie so gemeint.
Das Problem: Niemand kann erklären, wie man es denn gemeint hat.
Das große Zurückrudern ohne Rückwärtsgang
„Remigration“ war bislang kein Zufallswort. Es war kein Ausrutscher, kein Missverständnis, kein journalistischer Trick. Der Begriff wurde bewusst gewählt, wiederholt, verteidigt, gefeiert. Er stand für Abschottung, Ausgrenzung und die Fantasie einer ethnisch und kulturell „bereinigten“ Gesellschaft. Und plötzlich soll genau das alles gar nicht so gemeint gewesen sein.
Statt einer klaren Distanzierung gibt es jetzt Sprachakrobatik. Man spricht von Ordnung. Von Regeln. Von Freiwilligkeit. Von Einzelfällen. Von allem – nur nicht davon, was konkret passieren soll. Es ist das politische Äquivalent zu „Ich habe nichts gesagt, aber wenn, dann anders“.
Wer nachfragt, wird nicht aufgeklärt, sondern belehrt. Kritiker hätten den Begriff überinterpretiert. Medien würden zuspitzen. Gegner diffamieren. Dass man selbst jahrelang genau diese Zuspitzung befeuert hat, fällt unter kollektive Amnesie.
Extremismus im Tarnmodus
Was hier passiert, ist kein Kurswechsel. Es ist Tarnung. Remigration light ist Extremismus mit Schalldämpfer. Der Inhalt bleibt, nur die Lautstärke wird reduziert. Die Forderung bleibt dieselbe, aber sie wird nicht mehr klar ausgesprochen. Nicht, weil sie falsch wäre – sondern weil sie gerade unpraktisch ist.
Radikal sein ist einfach. Radikal gewählt werden ist schwieriger. Also versucht man beides gleichzeitig: Für die eigene Basis verständlich bleiben, für den Rest der Gesellschaft möglichst nebulös. Wer zustimmen will, weiß genau, was gemeint ist. Wer kritisiert, hat angeblich „nicht richtig zugehört“.
Das Ergebnis ist eine politische Schrödinger-Idee: gleichzeitig radikal und harmlos, gleichzeitig gemeint und missverstanden, gleichzeitig Forderung und Missverständnis. Ein Zustand, der vor allem eines ermöglicht: maximale Abstreitbarkeit bei minimaler Verantwortung.
Semantik statt Substanz
Besonders perfide ist die Verschiebung der Debatte. Es geht plötzlich nicht mehr um Inhalte, sondern um Begriffe. Nicht mehr um Konsequenzen, sondern um Wortdefinitionen. Wer „Remigration“ kritisiert, soll sich bitte erst einmal erklären lassen, was das Wort wirklich bedeutet – natürlich von denen, die es eingeführt haben.
Das ist ein altbekannter Trick. Wenn Inhalte unangenehm werden, diskutiert man über Sprache. Wenn Forderungen nicht mehr vermittelbar sind, spricht man über Tonfall. Und wenn alles schiefgeht, war es halt ein Missverständnis. Politik als permanentes Ausweichen.
Dabei wäre Klarheit so einfach. Man könnte sagen: Ja, wir wollen das. Und wir stehen dazu. Aber genau das passiert nicht. Denn Klarheit würde Konsequenzen nach sich ziehen. Also bleibt man lieber im Ungefähren. Im Andeutenden. Im „Das wissen doch alle, aber wir sagen es nicht mehr laut“.
Die Beleidigung der eigenen Wähler:innen
Das eigentlich Respektlose an dieser Nummer ist nicht einmal die Ideologie – es ist die Annahme, dass Menschen so dumm seien, auf diese Masche hereinzufallen. Dass ein paar weichere Worte reichen, um jahrelange Rhetorik auszulöschen. Dass man Erinnerung, Kontext und Zitate einfach wegmoderieren kann.
Wähler:innen sollen glauben, hier habe ein Lernprozess stattgefunden. Dabei hat lediglich ein PR-Prozess eingesetzt. Keine neue Einsicht, nur neue Verpackung. Keine Reflexion, nur Schadensbegrenzung. Das ist keine Mäßigung, das ist Marketing.
Und Marketing funktioniert nur, wenn man sein Publikum unterschätzt.
Kein Missverständnis, sondern Methode
Dass diese Strategie bewusst gewählt ist, zeigt sich daran, was nicht passiert. Es gibt keine Entschuldigungen. Keine Widerrufe. Keine klaren Abgrenzungen. Niemand sagt: Das war falsch. Stattdessen heißt es: Das wurde falsch verstanden. Das Problem liegt also nie bei der Partei – sondern immer bei denen, die zuhören.
So wird aus politischer Verantwortung ein Kommunikationsproblem. Aus Kritik eine Wahrnehmungsstörung. Und aus extremen Positionen eine Frage der Interpretation. Wer das kritisiert, gilt als hysterisch. Wer es ernst nimmt, als naiv.
Dass es sich dabei nicht um ein Missverständnis, sondern um Strategie handelt, zeigen auch journalistische Analysen. Der SPIEGEL erklärt, was die AfD tatsächlich unter „Remigration“ versteht, während die ZEIT den sprachlichen Schwenk als taktische Anpassung im Wahlkampf einordnet.
Fazit: Die Dummheit liegt nicht im Wort
Wenn politische Ideen nur dann akzeptabel erscheinen, wenn man sie nicht mehr klar benennt, dann liegt das Problem nicht beim Begriff, sondern bei der Idee dahinter. Remigration light ist kein Neuanfang, kein Umdenken und keine Mäßigung. Es ist der Versuch, mit weniger Worten dieselbe Härte zu transportieren.
Das mag taktisch schlau sein. Es ist rhetorisch geschickt. Aber es ist auch durchschaubar. Und vor allem ist es genau das, was es ist: eine politische Nebelkerze, gezündet aus Angst vor den eigenen Aussagen.
Für eine Partei, die sich gerne als „klar“ und „direkt“ inszeniert, ist das eine erstaunlich feige Nummer. Und damit mehr als würdig für die Dummheit der Woche.
Dieser Beitrag gibt die Meinung der Redaktion wieder und dient der politischen Einordnung und Kommentierung.



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