Es gibt kein Dazwischen – Warum das Leben sich nicht für dein Vielleicht interessiert
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Das Wartezimmer des Denkens
„Vielleicht.“
Kaum ein Wort ist so beliebt wie dieses. Es beruhigt, verschiebt Entscheidungen und vermittelt die Illusion, dass man sich noch nicht festlegen müsse. Vielleicht klappt es. Vielleicht nicht. Vielleicht habe ich recht. Vielleicht liege ich falsch. Vielleicht bin ich glücklich. Vielleicht unglücklich. Vielleicht lebe ich von nun an gesund. Vielleicht auch nicht.
Willkommen im Wartezimmer des Denkens.
Der Satz vom ausgeschlossenen Dritten – lateinisch principium exclusi tertii – gehört zu den ältesten und zugleich unbequemsten Gesetzen der klassischen Logik. Bereits Aristoteles formulierte ihn vor mehr als 2300 Jahren. Sein Inhalt ist erstaunlich einfach:
Eine Aussage ist entweder wahr oder falsch. Ein dritter Wahrheitswert existiert nicht.
Für jede Aussage gilt: A oder nicht A.
Es gibt kein geheimnisvolles „halb wahr“, kein metaphysisches „ein bisschen falsch“ und kein emotionales „kommt darauf an“, solange die Aussage eindeutig formuliert ist.
Du kannst danach suchen, so lange du willst - wenn du Erfolg dabei hast, melde dich bei mir.
Warum dieses Gesetz so oft missverstanden wird
Eigentlich klingt dieser Satz zunächst fast banal. Doch genau deshalb wird dieses Gesetz so häufig missverstanden.
Denn die meisten Menschen glauben, der Satz vom ausgeschlossenen Dritten würde behaupten, die Welt sei schwarz oder weiß.
Nein.
Er behauptet lediglich, dass eine klar definierte Aussage nicht gleichzeitig in einem dritten logischen Zustand schweben kann.
Das Problem ist nicht die Logik.
Das Problem ist unser Denken.
Wir lieben Nebel.
Wir lieben Unschärfen.
Wir lieben Formulierungen, die uns erlauben, heute etwas zu sagen und morgen das Gegenteil zu behaupten.
Der Satz vom ausgeschlossenen Dritten zerstört diese Komfortzone gnadenlos.
Die Realität kennt kein Vielleicht
Nehmen wir eine einfache Aussage:
„Der Schlüssel liegt auf dem Tisch.“
Entweder liegt er dort.
Oder eben nicht.
Natürlich kann er auch in der Schublade liegen oder im Auto vergessen worden sein.
Aber genau deshalb lautet die Aussage dann schlicht:
„Der Schlüssel liegt nicht auf dem Tisch.“
Mehr Möglichkeiten gibt es logisch nicht.
Das wirkt trivial.
Doch genau diese Trivialität rettet Wissenschaft, Technik, Mathematik und jede vernünftige Diskussion.
Warum Computer vernünftiger sind als wir
Ein Computer funktioniert nur deshalb zuverlässig, weil seine Schaltungen letztlich auf genau diesem Prinzip beruhen.
Strom fließt.
Oder er fließt nicht.
1 oder 0.
Ja oder Nein.
Millionen solcher Entscheidungen pro Sekunde erzeugen die digitale Welt.
Man stelle sich einen Prozessor vor, der philosophisch werden möchte:
„Heute fühle ich mich eher bei 0,63.“
Der Computer wäre nach einer Millisekunde Elektroschrott.
Interessanterweise akzeptieren wir diese Härte bei Maschinen mit völliger Selbstverständlichkeit.
Nur für uns selbst verlangen wir Sonderrechte.
Ausreden ändern keine Wahrheit
„Ich habe nicht gelogen.“
„Aber du hast die Wahrheit verschwiegen.“
„Das ist etwas anderes.“
Nein.
Es ist dieselbe logische Frage.
War die Aussage wahr oder nicht?
Die emotionale Verpackung verändert den Wahrheitswert nicht.
Natürlich gibt es komplizierte Sachverhalte.
Natürlich existieren Wahrscheinlichkeiten.
Natürlich arbeitet moderne Wissenschaft mit Unsicherheit.
Doch Unsicherheit bedeutet nicht, dass Aussagen einen geheimnisvollen dritten Wahrheitszustand besitzen.
Wenn ein Arzt sagt:
„Mit 80 Prozent Wahrscheinlichkeit handelt es sich um eine Virusinfektion.“
Dann ist diese Wahrscheinlichkeitsaussage entweder korrekt oder nicht.
Die Unsicherheit steckt im Wissen über den Sachverhalt – nicht in der Logik.
Unser Gehirn liebt Grauzonen
Hier entsteht einer der häufigsten Denkfehler.
Viele Menschen verwechseln unvollständige Informationen mit unklarer Wahrheit.
Das sind zwei völlig verschiedene Dinge.
Wenn ich nicht weiß, ob es morgen regnet, bedeutet das nicht, dass morgen gleichzeitig Regen und Nichtregen stattfinden.
Es bedeutet lediglich, dass ich den zukünftigen Wahrheitswert noch nicht kenne.
Unser Gehirn mag diese Unterscheidung allerdings überhaupt nicht.
Es liebt Zwischenräume.
Grauzonen fühlen sich angenehm an.
Sie erlauben Flexibilität.
Oder, weniger freundlich formuliert:
Sie erlauben Ausreden.
Eigentlich – das Lieblingswort der Selbstsabotage
„Ich wollte eigentlich kündigen.“
„Ich wollte eigentlich Sport machen.“
„Ich wollte eigentlich ehrlich sein.“
Eigentlich.
Ein wunderbares Wort.
Es beschreibt den Ort, an dem gute Vorsätze sterben.
Der Satz vom ausgeschlossenen Dritten interessiert sich nicht für „eigentlich“.
Entweder hast du gekündigt.
Oder nicht.
Entweder warst du beim Training.
Oder du warst auf dem Sofa.
Die Realität kennt keine Teilnahmeurkunden für gute Absichten.
Wahrheit braucht keine Mehrheitsentscheidung
Philosophisch betrachtet besitzt dieses Gesetz eine enorme Bedeutung.
Denn Wahrheit wird dadurch unabhängig von unseren Gefühlen.
Die Welt muss sich nicht nach unserer Stimmung richten.
Wenn zwei Menschen über dieselbe Tatsachenfrage diskutieren, können nicht beide gleichzeitig recht haben, wenn ihre Aussagen sich gegenseitig ausschließen.
Wir leben schließlich in einer Zeit, in der jeder seine „eigene Wahrheit“ besitzen soll.
Eine faszinierende Idee.
Vor allem dann, wenn zwei Autofahrer gleichzeitig behaupten, bei Grün gefahren zu sein.
Spätestens vor Gericht endet die Poesie der subjektiven Wahrheit.
Dann interessieren plötzlich Beweise.
Zeugen.
Kameras.
Fakten.
Mehrheitsmeinungen ändern keine Tatsachen.
Sie ändern nur Irrtümer.
Gibt es Ausnahmen?
Natürlich existieren logische Systeme, die bewusst vom Satz des ausgeschlossenen Dritten abweichen.
Die intuitionistische Logik akzeptiert bestimmte Beweise erst dann, wenn sie konstruktiv geführt wurden.
Auch mehrwertige Logiken oder die Fuzzy-Logik arbeiten mit zusätzlichen Wahrheitsgraden.
Das widerlegt die klassische Logik jedoch nicht.
Fuzzy-Logik beschreibt Begriffe wie „warm“, „groß“ oder „laut“, deren Grenzen fließend sind.
Der Fehler liegt fast immer in unpräzisen Begriffen, nicht im logischen Prinzip.
Je sauberer wir Begriffe definieren, desto weniger geheimnisvolle Grauzonen bleiben übrig.
Klare Begriffe, klares Leben
Und genau hier wird dieses Gesetz persönlich.
Selbstsabotage lebt von unklaren Formulierungen.
„Ich bin nicht erfolgreich.“
Was bedeutet erfolgreich?
Mehr Geld?
Mehr Freizeit?
Mehr Anerkennung?
Mehr innere Zufriedenheit?
Solange niemand den Begriff definiert, lässt sich darüber endlos streiten.
Klare Begriffe schaffen klare Gedanken.
Klare Gedanken schaffen klare Entscheidungen.
Deshalb beginnt jede vernünftige Analyse mit einer Definition.
Aristoteles wusste das bereits.
Viele Influencer offenbar noch nicht.
Schlussgedanke
Vielleicht liegt genau darin die größte Provokation dieses alten logischen Gesetzes.
Es zwingt uns, Verantwortung zu übernehmen.
Nicht für die Wahrheit selbst.
Aber für unsere Aussagen über die Wahrheit.
Wer sauber denkt, muss sauber formulieren.
Wer sauber formuliert, kann sich schlechter belügen.
Und genau deshalb mögen viele Menschen dieses Prinzip nicht.
Es nimmt ihnen das Vielleicht.
Es nimmt ihnen das Ungefähr.
Es nimmt ihnen das emotionale Schlupfloch.
Der Satz vom ausgeschlossenen Dritten behauptet nicht, dass das Leben einfach sei.
Er behauptet lediglich, dass klare Aussagen Klarheit verlangen.
Die Wirklichkeit ist oft komplex.
Unser Denken sollte es nicht unnötig komplizierter machen.
Denn am Ende interessiert sich die Realität herzlich wenig dafür, wie kreativ wir ihre Regeln umformulieren möchten.
Sie antwortet stets auf dieselbe Weise:
Ja.
Oder Nein.



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