Selbstüberschätzung im Berufsleben – oder: Warum ausgerechnet die Falschen sich für unersetzlich halten
- vor 55 Minuten
- 5 Min. Lesezeit

Es gibt im Büro eine stille Naturkonstante: Je geringer die Kompetenz, desto größer die Gewissheit. Während die Fähigen noch eine Fußnote nachschlagen, haben die Unfähigen bereits das Meeting einberufen. Diese Beobachtung ist keine bloße Bosheit der Erfahrung, sondern trägt einen Namen – geprägt von den Psychologen David Dunning und Justin Kruger.
1999 veröffentlichten sie eine Studie mit dem bescheidenen Titel Unskilled and Unaware of It. Bescheiden war nur der Titel. Der Befund war eine intellektuelle Ohrfeige: Menschen mit geringer Kompetenz neigen systematisch dazu, ihre Fähigkeiten zu überschätzen – gerade weil ihnen die Kompetenz fehlt, die eigene Inkompetenz zu erkennen.
Man könnte sagen: Wer nicht weiß, was er nicht weiß, weiß nicht einmal, dass er nichts weiß. Sokrates hätte vermutlich gelächelt.
Die Logik des Irrtums
Der sogenannte Dunning-Kruger-Effekt ist kein moralisches Urteil, sondern eine kognitive Struktur. Kompetenz besteht aus zwei Ebenen:
Sachkompetenz – die Fähigkeit, eine Aufgabe korrekt auszuführen.
Metakompetenz – die Fähigkeit, die eigene Leistung realistisch einzuschätzen.
Das Problem: Beide Fähigkeiten beruhen oft auf denselben kognitiven Grundlagen. Wer also in einem Gebiet schwach ist, dem fehlen zugleich die Werkzeuge zur Selbstdiagnose. Der Anfänger glaubt, er habe „das Prinzip verstanden“. Der Experte hingegen kennt die Abgründe der Materie – und zweifelt.
Ironischerweise führt steigende Kompetenz häufig zu sinkender Selbstsicherheit. Nicht weil Wissen verunsichert, sondern weil es Komplexität offenlegt. Wer einmal ernsthaft Statistik betrieben hat, wird nie wieder mit absoluter Sicherheit „eindeutige Zahlen“ präsentieren – außer natürlich in einem Strategie-Meeting.
Das Büro als epistemologisches Biotop
Im Berufsleben entfaltet sich dieser Mechanismus besonders prachtvoll. Dort treffen Hierarchien auf Eitelkeiten, Zielvorgaben auf Selbstdarstellung.
Typische Erscheinungsformen:
Der Projektleiter, der „Bauchgefühl“ mit Expertise verwechselt.
Der Berufseinsteiger, der nach zwei Podcasts von Disruption spricht.
Die Führungskraft, die Kritik als „mangelnde Teamfähigkeit“ diagnostiziert.
Selbstüberschätzung ist im Arbeitskontext nicht nur ein psychologischer Fehler, sondern ein struktureller Vorteil – zumindest kurzfristig. Wer überzeugt auftritt, wird oft für kompetent gehalten. Die Psychologie nennt das „Illusion of explanatory depth“: Menschen glauben, komplexe Sachverhalte verstanden zu haben, bis sie gezwungen sind, sie präzise zu erklären. Spätestens dann bröckelt das Selbstbild – sofern man ehrlich genug ist, es zu bemerken.
Philosophische Tiefenschärfe: Das Problem des Selbst
Philosophisch betrachtet berührt das Phänomen die alte Frage nach Selbsterkenntnis.
Immanuel Kant unterschied zwischen dem „Ding an sich“ und dem, was wir erkennen können. Vielleicht ist das eigene Kompetenzniveau ein solches „Ding an sich“ – grundsätzlich nur indirekt zugänglich. Wir konstruieren ein Selbstbild, das mehr mit Bedürfnis als mit Wahrheit zu tun hat.
Selbstüberschätzung erfüllt eine psychische Funktion: Sie stabilisiert Identität. Wer im Wettbewerb steht, kann sich ständige Zweifel kaum leisten. Das Problem beginnt dort, wo funktionale Selbstzuversicht in epistemische Hybris kippt.
Der schmale Grat zwischen gesundem Selbstvertrauen und narzisstischer Blindheit ist schwer zu vermessen. Doch ein Indikator ist zuverlässig: Wer nie irrt, lernt nichts.
Die Ironie der Karriereleiter
Organisationen fördern nicht selten genau jene, die am lautesten Sicherheit simulieren. Zweifel wirkt schwach. Reflexion kostet Zeit. Und Zeit ist bekanntlich Geld – zumindest bis Fehlentscheidungen Millionen kosten.
So entsteht eine paradoxe Dynamik:
Die Kompetenten unterschätzen sich leicht → zögern → wirken weniger führungsstark.
Die Inkompetenten überschätzen sich → handeln schnell → wirken entschlossen.
Das System belohnt oft Sichtbarkeit über Substanz. Die Pointe: Je höher die Position, desto größer der mögliche Schaden durch Selbstüberschätzung. Man könnte sagen, der Dunning-Kruger-Effekt skaliert exzellent.
Wissenschaftliche Einordnung: Kein Freibrief für Spott
Wichtig ist jedoch: Der Effekt ist kein Etikett für „die Dummen“. Auch Hochqualifizierte sind in fremden Bereichen anfällig. Ein brillanter Jurist kann sich in medizinischen Fragen überschätzen. Ein erfolgreicher Manager kann glauben, auch Klimaforschung „mit gesundem Menschenverstand“ beurteilen zu können.
Selbstüberschätzung ist kein Persönlichkeitsdefekt, sondern ein universeller Mechanismus begrenzter Rationalität. Der Unterschied liegt weniger im Intellekt als in der Bereitschaft zur Korrektur.
Was hilft gegen epistemische Hybris?
Ironischerweise braucht es genau das, was Selbstüberschätzung verhindert: Kompetenz.
Systematisches Feedback
Transparente Leistungsmessung
Eine Kultur, die Irrtum nicht bestraft
Und vor allem: intellektuelle Demut
Intellektuelle Demut ist keine Schwäche. Sie ist die Einsicht in die Begrenztheit des eigenen Horizonts. Wer sie besitzt, wirkt vielleicht weniger glänzend – aber tragfähiger.
Schluss: Die Würde des Zweifelns
Vielleicht besteht die wahre Professionalität nicht darin, immer recht zu haben, sondern zu wissen, wann man irren könnte.
Der Unterschied zwischen dem Selbstüberschätzten und dem Souveränen ist subtil:
Der eine glaubt, schon angekommen zu sein.
Der andere weiß, dass Erkenntnis ein Prozess ist.
Und falls Du beim Lesen dachtest: „Das betrifft mich nicht“ –
dann gratuliere ich. Du hast soeben den Test bestanden.
Wissenschaftlicher Anhang
1. Begriffliche und theoretische Einordnung
Der sogenannte Dunning-Kruger-Effekt beschreibt eine systematische Verzerrung der Selbsteinschätzung, bei der Personen mit niedriger Kompetenz in einem bestimmten Bereich dazu neigen, ihre Leistung signifikant zu überschätzen. Die klassische Studie von David Dunning und Justin Kruger (1999) untersuchte logisches Denken, Grammatik und Humorverständnis. In allen Bereichen überschätzten Teilnehmer im unteren Leistungsquartil ihre Ergebnisse erheblich.
Der Effekt wird häufig als Spezialfall eines umfassenderen Phänomens betrachtet: metakognitive Defizite. Kompetenz ist nicht nur die Fähigkeit zur Problemlösung, sondern auch zur Selbstdiagnose der eigenen Problemlösefähigkeit. Fehlende Kompetenz impliziert häufig fehlende metakognitive Kalibrierung.
2. Methodische Grundlagen
Die Originalstudie (1999) verwendete:
standardisierte Leistungstests
Selbsteinschätzungen vor oder nach der Bearbeitung
Quartilsvergleiche zwischen objektiver und subjektiver Leistung
Die zentrale Beobachtung war eine Asymmetrie der Fehleinschätzung:
Niedrigleistende überschätzten stark.
Hochleistende unterschätzten leicht (teilweise aufgrund eines „False Consensus“-Effekts).
Spätere Replikationen bestätigten das Grundmuster, zeigten jedoch auch statistische Artefakte (z. B. Regression zur Mitte). Neuere Arbeiten differenzieren daher zwischen tatsächlicher kognitiver Verzerrung und mathematischem Effekt.
3. Neuere Forschung und Differenzierungen
Der Effekt ist domänenspezifisch: Kompetenz in einem Gebiet schützt nicht vor Fehleinschätzung in einem anderen.
Trainingsinterventionen können metakognitive Genauigkeit verbessern.
Einige Studien argumentieren, dass ein Teil des Effekts durch allgemeine statistische Eigenschaften von Selbstbewertungsskalen erklärbar ist.
Die wissenschaftliche Diskussion ist also lebendig – was ironischerweise genau das ist, was überhebliche Gewissheit am wenigsten erträgt.
4. Philosophische Anschlussfähigkeit
Die Problematik der Selbsterkenntnis knüpft an klassische erkenntnistheoretische Positionen an:
Sokrates: Wissen als Einsicht in das eigene Nichtwissen.
Immanuel Kant: Grenzen der Selbst- und Weltkenntnis.
Karl Popper: Fallibilismus als wissenschaftliches Prinzip.
Der Dunning-Kruger-Effekt lässt sich als empirische Illustration des Fallibilismus lesen: Erkenntnisfortschritt setzt Irrtumsbewusstsein voraus.
Abschließende wissenschaftliche Einordnung
Der Dunning-Kruger-Effekt ist weder bloße Polemik noch universale Erklärung menschlicher Dummheit. Er beschreibt eine systematische, empirisch gut dokumentierte Verzerrung – allerdings mit methodischen Einschränkungen und theoretischen Differenzierungen.
Die vielleicht wichtigste wissenschaftliche Lehre lautet daher nicht: „Die anderen überschätzen sich.“
Sondern: Selbstüberschätzung ist eine strukturelle Möglichkeit menschlicher Kognition.
Und wer das liest und denkt, er sei davon ausgenommen, liefert – wie so oft – das eleganteste Anschauungsmaterial.
Kruger & Dunning (1999) Unskilled and Unaware of It: How Difficulties in Recognizing One’s Own Incompetence Lead to Inflated Self-Assessments — die klassische Studie, in der der Dunning-Kruger-Effekt erstmals empirisch beschrieben wurde. https://doi.org/10.1037/0022-3514.77.6.1121
Enzyklopädie-Eintrag: Britannica – Erklärung zum Dunning-Kruger-Paper



Kommentare