Deutschland, der Puff Europas – und andere moralische Notrufe aus dem Elfenbeinturm
- breinhardt1958
- 15. Nov. 2025
- 4 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 13. Jan.

Eine kleine Geschichte vom Bedürfnis und der Moral
Es ist schon eine Weile her, als ich mit einer damaligen Lebenspartnerin einen Kurztrip nach Tschechien unternahm.
Sie wollte shoppen. Ich nicht. Also vereinbarten wir einen Treffpunkt zu einer bestimmten Uhrzeit – eine jener rationalen Lösungen, die Beziehungen gelegentlich retten.
Ich war wie immer zu früh. Schlenderte durch die Gegend. Und dann meldete sich, mit der Dringlichkeit eines schlecht gelaunten Finanzbeamten, meine Blase.
Wer schon einmal versucht hat, in einer fremden Stadt ohne Sprachkenntnisse eine Toilette zu finden, weiß: Das ist kein Spaziergang, das ist angewandte Existenzphilosophie.
Erster Versuch: ein halbwegs seriös aussehendes Gebäude. Zwei kräftige Herren erklärten mir freundlich, der Eintritt sei nur mit Krawatte möglich. Eine könne ich bei ihnen erwerben. Als sie den Preis nannten, verging mir kurz sogar der Harndrang. Casino. Irgendwelche dubiosen Glücksspiele. Kein Ort für existenzielle Entleerungen.
Zweiter Versuch: Erfolg. Tische, Stühle, Bar. Ich bestellte im Vorbeigehen ein Bier, um mich als legitimer Toilettennutzer zu qualifizieren, erledigte mein eigentliches Anliegen und setzte mich erleichtert hin.
Erst dann fiel mir auf: An der Bar saßen ausschließlich Damen. Leicht bekleidete Damen. Sehr leicht bekleidete Damen.
Und als ich beim Bezahlen gefragt wurde, welche Wünsche ich außer dem Bier noch hätte, beschloss ich spontan, dass meine Verabredung mich dringend brauche.
Ich kam – gegen meine Gewohnheit – zu spät.
Auf die Frage, wo ich gewesen sei, antwortete ich wahrheitsgemäß:
„Zuerst im Casino, dann noch im Puff.“
Sie hatte wirklich sehr wenig Humor.
Das war mein erster und letzter Bordellbesuch. Und vermutlich der harmloseste, den man sich vorstellen kann.
Deutschland entdeckt den Sex – schon wieder
Jahre später lese ich Schlagzeilen:
Klöckner zu Prostitution: Deutschland ist der „Puff Europas“
Kurz dachte ich: Na bitte! Endlich wieder Weltspitze. Dann las ich weiter.
Kurz darauf:
Warken spricht sich für ein Sexkaufverbot aus.
Ich spreche mich übrigens für ein Gummibärchenkaufverbot aus. Sex gilt als gesund, Gummibärchen eher nicht.
Außerdem machen Prostituierte viele Männer glücklich – was man von Politessen und Finanzamtsmitarbeiterinnen nicht ernsthaft behaupten kann.
Kurzum: Weder das Thema noch die Argumente, mit denen es öffentlich verhandelt wird, wirken so, als hätte jemand länger als fünf Minuten nachgedacht.
Deutschland will den Sex retten – notfalls vor sich selbst
Deutschland hat wieder ein Problem identifiziert: Sex. Genauer gesagt: Sex gegen Geld.
Und wie immer, wenn es um Lust geht, tritt der Staat auf wie ein schlecht gelaunter Tugendwächter mit schlechtem WLAN.
Das neue Zauberwort heißt Sexkaufverbot.
Ein politisches Feelgood-Projekt: Man kann sich moralisch überlegen fühlen, ohne irgendetwas verstanden zu haben.
Der Staat als Erlöser wider Willen
Natürlich geht es um das Gute. Es geht immer um das Gute.
Der Staat will Frauen retten – vor Männern, vor Ausbeutung, vor sich selbst. Denn wer Sex verkauft, kann das ja unmöglich freiwillig tun. Das wäre ja… Autonomie.
Also sollen die Freier bestraft werden. Die Sexarbeiterinnen nicht – sie gelten offiziell als Opfer.
Erlösung gegen den eigenen Willen: die höchste Form staatlicher Fürsorge.
Feminismus trifft Finanzamt
Das Absurde:
In Deutschland darfst du deinen Körper für fast alles verkaufen. Für Amazon. Für die Bundeswehr. Für den Schlachthof. Für Nachtschichten, die dich körperlich ruinieren.
Aber für Sex?
Nein. Da endet plötzlich die Selbstbestimmung. Da beginnt die nationale Schamzone.
Gegen Armut, fehlende Bildung, prekäre Lebenslagen müsste man eigentlich etwas tun.
Aber das ist teuer, kompliziert und nicht fotogen.
Also lieber Symbolpolitik mit moralischem Scheinwerfer.
Das nordische Märchen
Das sogenannte nordische Modell: Käufer bestrafen, Anbieterin verschonen.
Ein juristischer Yoga-Knoten, der auf Konferenzen elegant aussieht und in der Realität regelmäßig Verrenkungen verursacht.
Die Folgen sind bekannt:
Weniger Sichtbarkeit, mehr Verlagerung, höhere Risiken für diejenigen, die man angeblich schützen will.
Aber Hauptsache, das Gewissen bleibt frisch gewaschen.
Saubere Moral, schmutzige Realität
Das Beste am Sexkaufverbot ist seine Symbolik:
Der Staat sagt, was richtig ist – und wer widerspricht, beweist damit nur, dass er noch nicht ausreichend „sensibilisiert“ wurde.
So entsteht eine Gesellschaft, in der niemand mehr etwas Falsches tut,
weil alles, was Spaß macht, verboten ist.
Drei Gruppen, ein Denkfehler
Der Forschungsstand – so unerquicklich er auch ist – erlaubt zumindest eine grobe Differenzierung:
Freiwillige, etablierte Prostitution Liebe CDU: Das nennt man Marktwirtschaft. Angebot und Nachfrage. Wer die Nachfrage kriminalisiert, schadet zwangsläufig dem Angebot. Wenn sich alle Männer gesetzestreu verhalten – sind die Frauen dann arbeitslos. Ist das der Plan?
Prostitution aus prekären Lebenslagen Willkommen im echten Leben. Millionen Menschen arbeiten in Jobs, die sie hassen, für Löhne, die kaum reichen, mit Chefs, die man niemandem wünscht. Geld verdienen zu müssen ist kein Alleinstellungsmerkmal der Sexarbeit.
Zwangsprostitution Hier liegt tatsächlich ein Skandal vor. Juristisch wie ethisch. Aber die Hauptschuld tragen organisierte Kriminelle – nicht Kunden, denen man oft nur eine schwer nachweisbare Mitschuld konstruieren kann. Helfen würden gut ausgestattete Strafverfolgungsbehörden. Aber das ist mühsam. Moralische Schlagzeilen sind billiger.
Vorschlag zur Konsequenz
Wenn Deutschland schon dabei ist, Lust zu regulieren, dann bitte richtig:
Tinder abschalten
Pornos verbieten
Fremdgehen unter Strafe stellen
Und bitte in jedes Schlafzimmer einen Beamten, der prüft, ob alles normgerecht abläuft.
Das wäre wenigstens konsequent. Und fast schon wieder ehrlich.
Fazit
Das Sexkaufverbot ist kein Fortschritt.
Es ist ein Rückfall in Zeiten, in denen man Frauen „rettete“, indem man sie bevormundete,
und Männer bestrafte, weil sie begehren.
Aber hey – Hauptsache, der Bundestag fühlt sich sauber.
Der Rest darf dann wieder im Dunkeln vögeln.



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