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„Wenn Rang Argument ersetzt – Der Appeal to Authority als Denkfehler der bequemen Vernunft“

  • breinhardt1958
  • vor 6 Stunden
  • 5 Min. Lesezeit
Schaubild zum Appeal to Authority in der deutschen Coronapolitik
Der Appeal to Authority: Wie Expertenempfehlungen in der Coronapolitik zur Alternativlosigkeit wurden.

Autoritäten sind praktisch. Sie sparen Zeit, Mühe und Denken. Wer sich auf sie beruft, muss nicht mehr selbst argumentieren. Genau darin liegt das Problem. Der Appeal to Authority – der Rückgriff auf Autorität als Begründung – ist einer der ältesten und zugleich wirkmächtigsten Denkfehler der Menschheitsgeschichte. Er tarnt intellektuelle Bequemlichkeit als Rationalität und sozialen Konsens als Wahrheit.


Der Denkfehler ist deshalb so gefährlich, weil er sich nicht offen irrational gibt. Im Gegenteil: Er tritt geschniegelt und seriös auf, im Gewand von Titeln, Ämtern, Studien, Expertenrunden und institutionellem Prestige. Er sagt nicht: „Glaub mir, weil ich es fühle“, sondern: „Glaub mir, weil die Richtigen es sagen.“


Was der Appeal to Authority ist – und was nicht

Nicht jede Berufung auf Expertise ist ein Denkfehler. Wenn ein Statiker sagt, dass eine Brücke einsturzgefährdet ist, wäre es irrational, seine fachliche Einschätzung zu ignorieren. Der Appeal to Authority beginnt dort, wo Autorität Argument ersetzt, nicht ergänzt.


Formal lautet er:

A ist wahr, weil X (eine Autorität) sagt, dass A wahr ist.

Das Problem liegt nicht in X, sondern im „weil“. Wahrheit wird hier nicht aus Gründen, Evidenzen oder logischer Ableitung gewonnen, sondern aus sozialer Hierarchie. Das Argument wird externalisiert: Es zählt nicht, was gesagt wird, sondern wer es sagt.


Die logische Leerstelle

Aus formallogischer Sicht ist der Denkfehler simpel:

  1. Person X gilt als Autorität.

  2. X behauptet Aussage A.

  3. Also ist A wahr.


Der Schluss ist ungültig. Selbst wenn Prämisse 1 stimmt, folgt daraus nichts über den Wahrheitsgehalt von A. Autoritäten können sich irren, lügen, Interessen haben, außerhalb ihres Kompetenzbereichs sprechen oder schlicht falsche Annahmen reproduzieren.


Die Wahrheit einer Aussage ist unabhängig von der Person, die sie äußert. Das ist eine triviale Erkenntnis – und gleichzeitig eine, die im öffentlichen Diskurs regelmäßig ignoriert wird.


Warum der Appeal to Authority so gut funktioniert

Der Appeal to Authority ist psychologisch attraktiv. Er bedient mehrere kognitive Bedürfnisse zugleich:

  • Reduktion von Unsicherheit: Autoritäten geben Halt in komplexen Situationen.

  • Soziale Absicherung: Wer sich auf „die Experten“ beruft, steht nicht allein.

  • Entlastung vom Denken: Man muss keine Argumente prüfen, nur Namen wiederholen.

  • Moralische Aufwertung: Wer der Autorität folgt, gilt als vernünftig, verantwortungsvoll oder „auf der richtigen Seite“.


Evolutionär betrachtet ist das sogar verständlich. In sozialen Gruppen war es oft überlebenswichtig, auf erfahrene oder mächtige Mitglieder zu hören. Das Problem beginnt, wenn dieses Heuristik-Verhalten in abstrakte, hochkomplexe Wissensgesellschaften übertragen wird – und dort zur Denkverweigerung mutiert.


Philosophische Tiefenschärfe: Autorität versus Vernunft

Immanuel Kant definierte Aufklärung als den „Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit“. Unmündigkeit bedeutet hier nicht Unwissen, sondern die Weigerung, den eigenen Verstand ohne Leitung eines anderen zu gebrauchen.


Der Appeal to Authority ist genau diese Unmündigkeit in Reinform. Er delegiert Erkenntnis an Institutionen, Personen oder Mehrheiten. Wahrheit wird nicht mehr erarbeitet, sondern bezogen – wie eine Dienstleistung.


Michel Foucault ging noch weiter: Für ihn sind Autoritäten immer auch Machtstrukturen. Wer definiert, wer als Experte gilt, kontrolliert, was als wahr gilt. Der Appeal to Authority stabilisiert daher bestehende Machtverhältnisse, indem er Kritik delegitimiert: Wer widerspricht, widerspricht nicht einer These, sondern einer Institution.


Wissenschaft und ihr Missbrauch

Besonders perfide wird der Denkfehler im wissenschaftlichen Kontext. „Die Wissenschaft sagt…“ ist ein klassischer Autoritätsappell – und meist eine grobe Verzerrung dessen, wie Wissenschaft funktioniert.


Wissenschaft ist kein Sprecher, keine Instanz und kein Orakel. Sie ist ein Prozess organisierter Zweifel, kein Konsensgenerator. Einzelne Studien, Expertengremien oder Nobelpreisträger sind keine Wahrheitsmaschinen. Ihre Aussagen müssen begründet, repliziert, kritisiert und kontextualisiert werden.


Wer Wissenschaft als Autorität benutzt, statt als Methode, begeht einen kategorialen Fehler: Er ersetzt Argumente durch Reputation.


Der soziale Preis des Denkfehlers

Der Appeal to Authority wirkt diskursvergiftend. Er beendet Gespräche, statt sie zu führen. Typische Endpunkt-Sätze lauten:

  • „Das ist wissenschaftlich längst geklärt.“

  • „Alle seriösen Experten sind sich einig.“

  • „Dazu gibt es keine Alternative.“


Diese Sätze signalisieren nicht Erkenntnis, sondern Gesprächsverweigerung. Sie markieren Macht, nicht Wahrheit. Der Denkfehler ist damit nicht nur logisch falsch, sondern demokratiefeindlich: Er entzieht Positionen der Kritik, indem er sie sakralisiert.


Wie man ihn erkennt – und vermeidet

Ein einfacher Test hilft:

Würde das Argument auch ohne die genannte Autorität tragen?

Wenn nein, liegt mit hoher Wahrscheinlichkeit ein Appeal to Authority vor. Ein solides Argument erklärt warum etwas gilt, nicht wer es gesagt hat. Autoritäten können Hinweise liefern, aber keine Beweise ersetzen.


Kritisches Denken beginnt dort, wo man bereit ist, auch hochdekorierte Aussagen zu zerlegen – respektvoll, aber gnadenlos rational.


Schluss: Mut zur eigenen Vernunft

Der Appeal to Authority ist kein Denkfehler der Dummen, sondern der Bequemen. Er verführt gerade intelligente Menschen dazu, ihre Urteilskraft auszulagern. In einer Welt zunehmender Komplexität ist das verständlich – aber gefährlich.


Wer Autorität über Vernunft stellt, tauscht Erkenntnis gegen Sicherheit. Wer Wahrheit will, muss riskieren, selbst zu denken. Und das ist – bei aller Respektlosigkeit – immer noch die einzige Autorität, die diesen Namen verdient.


Konkretes zeitdiagnostisches Beispiel: Coronapolitik in Deutschland – Autorität statt Abwägung

In der deutschen Coronapolitik zwischen 2020 und 2022 wurde der Appeal to Authority nicht nur gelegentlich benutzt – er wurde zur zentralen Legitimationsstruktur politischen Handelns.


Der wiederkehrende Rechtfertigungssatz lautete:

„Wir folgen den Empfehlungen der Experten.“

Damit schien alles gesagt. Und vor allem: alles entschieden.


Die Rolle der Experten

Politische Maßnahmen – Lockdowns, Schulschließungen, Kontaktbeschränkungen, 2G/3G-Regeln, Ausgangssperren – wurden regelmäßig mit Verweis auf „die Wissenschaft“, „das RKI“, „Virologen“ oder „Expertengremien“ begründet.


Auffällig war dabei:

  • Die Experten traten meist nicht als argumentierende Unsicherheitsmanager, sondern als normative Ratgeber auf.

  • Ihre Empfehlungen wurden als alternativlos dargestellt, nicht als vorläufige Hypothesen unter Unsicherheit.

  • Abweichende wissenschaftliche Stimmen existierten, wurden aber medial marginalisiert oder moralisch diskreditiert.


Der epistemische Charakter von Wissenschaft – Zweifel, Revision, Konflikt – wurde politisch glattgebügelt.


Der Appeal to Authority im politischen Vollzug

Die implizite Logik lautete:

  1. Es gibt eine Pandemie.

  2. Virologen und Epidemiologen gelten als zuständige Autoritäten.

  3. Diese empfehlen Maßnahme M.

  4. Politik setzt M um.

  5. Kritik an M widerspricht „der Wissenschaft“.


Der Denkfehler liegt nicht bei Schritt 2 oder 3, sondern bei Schritt 5. Kritik an Maßnahmen ist keine Kritik an der Existenz des Virus und keine Wissenschaftsfeindlichkeit, sondern notwendiger Bestandteil rationaler Politik.


Übersehene negative Nebeneffekte

Gerade weil Expertenempfehlungen als autoritativ behandelt wurden, gerieten nicht-virologische Nebenfolgen systematisch aus dem Blick. Beispiele:

  • Psychische Gesundheit: Zunahme von Depressionen, Angststörungen, Suizidgedanken, insbesondere bei Jugendlichen. Isolation wurde epidemiologisch gerechtfertigt, psychologisch aber unterschätzt.

  • Bildungsschäden: Schulschließungen führten zu messbaren Lernrückständen, sozialen Spaltungen und Bildungsabbrüchen – Effekte, die langfristig wirken und nicht „nachgeholt“ werden können.

  • Soziale Ungleichheit: Homeoffice und Kontaktbeschränkungen trafen soziale Gruppen extrem unterschiedlich. Wer beengt wohnte, prekär arbeitete oder keinen digitalen Zugang hatte, zahlte den höchsten Preis.

  • Demokratische Erosion: Grundrechtseingriffe wurden exekutiv entschieden, parlamentarische Kontrolle zeitweise reduziert, öffentliche Kritik moralisiert.


Diese Effekte waren keine unbekannten Unbekannten. Sie wurden benannt – aber im Autoritätsdiskurs systematisch nachrangig behandelt.


Warum das ein Denkfehler ist – nicht nur ein politischer Fehler

Der entscheidende Punkt:

Die Vernachlässigung dieser Nebeneffekte war keine empirische Notwendigkeit, sondern eine epistemische Entscheidung.


Virologische Expertise wurde zur dominanten Autorität, obwohl die Maßnahmen:

  • sozial,

  • psychologisch,

  • ökonomisch,

  • rechtlich

hochkomplexe Folgen hatten.


Die Autorität eines Fachgebiets wurde stillschweigend auf Bereiche ausgedehnt, für die es keine epistemische Zuständigkeit besitzt. Das ist ein klassischer Appeal to Authority durch Kompetenzüberschreitung.


Formallogisch rekonstruiert

  1. Virologen sind Experten für Virusausbreitung.

  2. Sie empfehlen Maßnahme M zur Infektionsreduktion.

  3. Also ist M insgesamt richtig und alternativlos.

  4. Negative Nebenfolgen sind sekundär oder hinnehmbar.

  5. Kritik an M ist wissenschaftsfeindlich.


Der Fehlschluss liegt zwischen 2 und 3.

Aus einer fachlich begrenzten Empfehlung wird eine gesamtgesellschaftliche Wahrheit.


Der politische Komfort des Denkfehlers

Für die Politik war dieser Autoritätsappell bequem:

  • Verantwortung konnte delegiert werden („Wir mussten den Experten folgen“).

  • Zielkonflikte mussten nicht offen abgewogen werden.

  • Fehler wurden epistemisch externalisiert.


Doch genau darin liegt das demokratietheoretische Problem:

Politik ist nicht dafür da, Expertise zu exekutieren, sondern unter Unsicherheit konkurrierende Güter abzuwägen.


Die Lehre

Die Coronapolitik zeigt exemplarisch, wie der Appeal to Authority aus rationalem Krisenmanagement dogmatischen Entscheidungsersatz machen kann. Wissenschaft wurde nicht befragt, sondern verwendet. Kritik nicht integriert, sondern pathologisiert.


Das ist kein Plädoyer gegen Maßnahmen, Experten oder Wissenschaft.

Es ist ein Plädoyer gegen die Verwechslung von Expertise mit Wahrheit und Empfehlung mit Legitimation.


Oder anders gesagt:

Wenn Autorität Denken ersetzt, entstehen Nebenwirkungen – nicht nur medizinische, sondern gesellschaftliche.



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