Wenn viele irren: Das Argumentum ad consensum oder warum Mehrheiten keine Wahrheiten erzeugen
- breinhardt1958
- 12. Jan.
- 6 Min. Lesezeit

Es gibt Sätze, die beenden Diskussionen zuverlässig. Nicht, weil sie besonders klug wären, sondern weil sie bequem sind. Einer davon lautet: „Das sehen doch alle so.“ Ein anderer: „Da sind sich die meisten einig.“ Wer so spricht, glaubt, etwas Endgültiges gesagt zu haben. Tatsächlich hat er gerade einen klassischen logischen Fehler begangen: das Argumentum ad consensum – den Berufungsfehler auf den vermeintlichen oder tatsächlichen Konsens.
Was ist das Argumentum ad consensum?
Das Argumentum ad consensum (auch Argumentum ad populum in einer seiner Varianten) behauptet im Kern:
Eine Aussage ist wahr oder richtig, weil viele Menschen sie für wahr oder richtig halten.
Der Denkfehler liegt offen zutage: Aus der Anzahl der Zustimmenden folgt nichts über den Wahrheitsgehalt einer Aussage. Wahrheit ist keine demokratische Abstimmung. Sie ist – unerquicklich genug – völlig gleichgültig gegenüber Mehrheiten.
Und doch wirkt dieses Argument enorm stark. Gerade im Alltag. Gerade in gesellschaftlichen Debatten. Gerade dort, wo Denken anstrengend wäre.
Warum der Konsens so verführerisch ist
Menschen sind soziale Wesen. Zustimmung signalisiert Sicherheit. Wer mit der Mehrheit geht, läuft weniger Gefahr, ausgegrenzt zu werden. Das Argumentum ad consensum nutzt genau diesen Mechanismus aus: Es ersetzt die mühsame Begründung durch sozialen Druck.
Der unausgesprochene Subtext lautet:
Wenn so viele das glauben, kannst du unmöglich recht haben, wenn du widersprichst.
Das Problem: Geschichte, Wissenschaft und Alltag sind voll von Beispielen, in denen alle irrten – und wenige recht hatten. Dass die Erde keine Scheibe ist, war lange eine Minderheitenmeinung. Dass Rauchen schädlich ist, ebenfalls. Dass Frauen wählen sollten, galt über Jahrhunderte als absurde Idee – mit breitem gesellschaftlichem Konsens dagegen.
Konsens ist kein Argument, sondern ein Zustand
Ein Konsens beschreibt lediglich einen sozialen Zustand: Viele Menschen teilen eine Meinung. Mehr nicht. Er erklärt weder, warum diese Meinung richtig sein soll, noch ob sie es tatsächlich ist.
Das Argumentum ad consensum verwechselt also zwei Ebenen:
deskriptiv: Was glauben viele Menschen?
normativ oder epistemisch: Was ist wahr, richtig oder begründet?
Diese Ebenen haben nichts miteinander zu tun. Dass viele etwas glauben, sagt nur etwas über viele Menschen aus – nicht über die Realität.
Alltagstaugliche Beispiele
Der Denkfehler tritt selten plump auf. Meist kommt er elegant verkleidet daher:
„Das macht man heute eben so.“
„Alle Experten sind sich einig.“(oft ohne zu sagen, welche Experten und wobei genau)
„Das ist doch gesunder Menschenverstand.“
„Das hat sich bewährt, sonst würden es nicht alle machen.“
Besonders beliebt ist das Argumentum ad consensum in moralischen, politischen und lebenspraktischen Fragen. Dort, wo Begründungen unbequem wären und Widerspruch als Störung empfunden wird.
Die gefährliche Nähe zur Denkfaulheit
Das Argumentum ad consensum ist nicht nur falsch – es ist bequem. Es erlaubt, Verantwortung für das eigene Denken abzugeben. Man muss nichts prüfen, nichts abwägen, nichts riskieren. Man schließt sich einfach an.
Genau deshalb ist dieser Denkfehler so gefährlich: Er konserviert Irrtümer. Je größer der Konsens, desto schwieriger wird es, ihn zu hinterfragen. Wer widerspricht, gilt schnell als Spinner, Querulant oder Provokateur – selbst dann, wenn seine Argumente solide sind.
So entstehen gesellschaftliche Selbstverständlichkeiten, die bei näherem Hinsehen auf erstaunlich wackligen Beinen stehen.
Wann Konsens relevant ist – und wann nicht
Natürlich gibt es Situationen, in denen Konsens eine Rolle spielt. Etwa bei Konventionen: Verkehrsregeln, Sprachgebrauch, soziale Rituale. Hier geht es nicht um Wahrheit, sondern um Koordination.
Problematisch wird es, wenn Konsens als Beweis missbraucht wird. Besonders in Fragen von:
Wahrheit (Was ist der Fall?)
Kausalität (Warum passiert etwas?)
Moral (Was ist gerechtfertigt?)
In all diesen Bereichen braucht es Argumente, nicht Mehrheiten.
Der subtile Missbrauch des Konsenses
In öffentlichen Debatten wird das Argumentum ad consensum gern strategisch eingesetzt. Wer sagt „Die Mehrheit will das“, suggeriert Legitimität – selbst wenn die Mehrheit schlecht informiert, emotional manipuliert oder schlicht desinteressiert ist.
Der Konsens wird dabei nicht als Ergebnis einer guten Debatte präsentiert, sondern als Ersatz für sie. Diskussion beendet. Abweichung delegitimiert.
Das ist kein Zufall. Ein hinterfragter Konsens ist instabil. Ein unangetasteter wirkt wie ein Naturgesetz.
Ein kleiner Realitätscheck
Wenn Ihnen jemand sagt:
„Das glauben doch alle.“
Stellen Sie sich drei einfache Fragen:
Wer genau ist „alle“?
Warum glauben sie das?
Folgt aus dem Glauben vieler irgendetwas über die Wahrheit?
In den meisten Fällen bricht das Argument dann bereits in sich zusammen.
Fazit: Denken ist keine Abstimmung
Das Argumentum ad consensum ist einer der beliebtesten Denkfehler unserer Zeit – gerade weil er so harmlos wirkt. Er appelliert nicht an die Vernunft, sondern an das Bedürfnis nach Zugehörigkeit. Er ersetzt Gründe durch Gruppengefühl.
Wer logisch denken will, muss lernen, Mehrheiten zu ignorieren – zumindest dort, wo es um Wahrheit geht. Nicht aus Trotz, sondern aus intellektueller Redlichkeit.
Denn eines ist sicher:
Wenn Wahrheit jemals von Mehrheiten abhinge, hätte sie schlechte Karten.
Alltagsbeispiel: „Das macht doch heute keiner mehr so“
Ein Mann beschließt, sein Leben radikal anders zu organisieren. Er ist Biobauer, bewirtschaftet einen kleinen Hof, lebt ausschließlich von den Erzeugnissen seiner eigenen Arbeit. Kein Supermarkt, keine Fernreisen, kein Streaming-Abo, kein ständiger Konsum. Er verzichtet bewusst auf Komfort, wie es vor zweihundert Jahren selbstverständlich war – nicht aus Zwang, sondern aus Überzeugung.
Er ist gesund, schuldenfrei, zeitlich unabhängig und – was viele irritiert – offenbar zufrieden.
Als er die Schwester seiner Freundin kennenlernt, schlägt ihm blankes Entsetzen entgegen.
„Wie soll das denn funktionieren?“
„So lebt man doch heute nicht mehr.“
„Das ist doch rückständig.“
„Niemand will freiwillig so leben.“
Keines dieser Argumente bezieht sich auf sein tatsächliches Leben. Nicht auf seine Gesundheit, nicht auf seine finanzielle Stabilität, nicht auf sein Wohlbefinden. Stattdessen läuft alles auf einen einzigen Punkt hinaus:
„Das macht doch sonst auch keiner so.“
Hier schlägt das Argumentum ad consensum in Reinform zu.
Die Lebensweise wird nicht kritisiert, weil sie schädlich, widersprüchlich oder unfunktional wäre, sondern weil sie nicht dem gesellschaftlichen Durchschnitt entspricht. Der implizite Vorwurf lautet: Wer anders lebt als die Mehrheit, lebt falsch.
Die Schwester verwechselt dabei soziale Normalität mit rationaler Begründung. Dass die meisten Menschen in beheizten Wohnungen leben, täglich konsumieren, abhängig beschäftigt sind und ihre Nahrung anonym beziehen, gilt plötzlich als Beweis dafür, dass dies die einzig vernünftige Art zu leben sei.
Die Frage, ob diese Lebensweise Menschen tatsächlich glücklicher, gesünder oder freier macht, wird gar nicht gestellt. Der Konsens ersetzt die Analyse.
Besonders entlarvend ist dabei, dass genau jene Argumente, die sonst als konservativ oder unreflektiert gelten, hier unhinterfragt übernommen werden: „So war es schon immer“ wird ersetzt durch „So machen es heute alle“. Der Denkfehler bleibt derselbe, nur das zeitliche Bezugssystem ändert sich.
Der Biobauer muss sich rechtfertigen – nicht, weil sein Leben schlecht funktioniert, sondern weil es den Konsens verletzt. Seine Existenz stellt eine stille Provokation dar: Sie zeigt, dass Alternativen möglich sind. Und genau das macht sie für viele unerträglich.
Das Argumentum ad consensum wirkt hier wie ein sozialer Abwehrmechanismus. Nicht die alternative Lebensweise wird verteidigt oder angegriffen, sondern die eigene. Wer sagt „Das macht doch keiner“, meint oft: „Bitte zwing mich nicht, darüber nachzudenken, warum ich es selbst anders mache.“
So wird aus einer individuellen Lebensentscheidung ein gesellschaftliches Ärgernis – nicht, weil sie falsch ist, sondern weil sie nicht bestätigt, was „alle“ ohnehin glauben.
FAQ: Argumentum ad consensum und alternative Lebensweisen
Warum reagieren viele Menschen ablehnend auf alternative Lebensweisen?
Weil alternative Lebensweisen den gesellschaftlichen Konsens infrage stellen. Wer anders lebt, zeigt implizit, dass das „Normale“ nicht alternativlos ist. Diese Infragestellung erzeugt Unbehagen – und wird häufig durch das Argumentum ad consensum abgewehrt: „So lebt man heute nicht.“
Ist eine Lebensweise falsch, nur weil sie von der Mehrheit abgelehnt wird?
Nein. Die Ablehnung durch eine Mehrheit sagt nichts über die Qualität, Rationalität oder Sinnhaftigkeit einer Lebensweise aus. Sie sagt lediglich etwas über soziale Gewohnheiten und Anpassungsdruck aus – nicht über Wahrheit oder Zweckmäßigkeit.
Warum gilt Verzicht auf Komfort oft automatisch als Rückschritt?
Weil Fortschritt gesellschaftlich meist mit mehr Komfort, mehr Technik und mehr Konsum gleichgesetzt wird. Wer freiwillig verzichtet, durchbricht diese Gleichung. Der Verzicht wird dann nicht als bewusste Entscheidung, sondern als irrationaler Rückschritt interpretiert – obwohl er funktional sein kann.
Was genau ist der logische Fehler im Argument „Das macht doch keiner mehr so“?
Der Fehler besteht darin, aus der Verbreitung einer Praxis auf ihre Richtigkeit zu schließen. Dass etwas selten oder unüblich ist, macht es weder falsch noch schlecht. Es ist ein klassisches Argumentum ad consensum: Mehrheit ersetzt Begründung.
Sind gesellschaftliche Normen nicht ein sinnvoller Maßstab?
Nur bedingt. Normen regeln Zusammenleben, aber sie begründen keine Wahrheiten. Sie entstehen historisch, ökonomisch und kulturell – oft ohne bewusste Reflexion. Wer Normen als Argument benutzt, verwechselt soziale Ordnung mit rationaler Rechtfertigung.
Warum fühlen sich Angehörige oft persönlich angegriffen?
Weil eine alternative Lebensweise ungewollt als Kritik an der eigenen interpretiert wird. Nicht rational, sondern emotional. Der Biobauer sagt nicht „Ihr lebt falsch“, aber seine Existenz legt nahe: Man könnte auch anders leben. Das reicht bereits aus.
Ist der Rückgriff auf Konsens immer ein Denkfehler?
Nein. Bei Konventionen – etwa Verkehrsregeln oder Sprache – ist Konsens notwendig. Problematisch wird er dort, wo er als Beweis für Wahrheit, Moral oder Sinnhaftigkeit missbraucht wird.
Warum wird selten gefragt, ob der alternative Lebensstil funktioniert?
Weil diese Frage echte Auseinandersetzung erfordern würde. Stattdessen ist es einfacher, sich auf die Mehrheit zu berufen. Funktionalität, Zufriedenheit oder innere Kohärenz spielen dann keine Rolle mehr.
Was sagt dieses Beispiel über gesellschaftliche Debatten generell?
Es zeigt, wie schnell Denken durch Anpassung ersetzt wird. Wer vom Konsens abweicht, muss sich rechtfertigen – unabhängig davon, wie gut seine Gründe sind. Das Argumentum ad consensum dient dabei als sozial akzeptierter Denkstopp.
Wie kann man sich gegen diesen Denkfehler wappnen?
Indem man konsequent trennt zwischen:
Was viele glauben und
Was gut begründet ist.
Und indem man sich angewöhnt, bei Mehrheitsargumenten nach Gründen zu fragen – nicht nach Übereinstimmung mit der Mehrheit.



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