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Die große Vereinfachung: Warum monokausale Erklärungen komplexe Systeme zerstören

  • breinhardt1958
  • 2. Jan.
  • 5 Min. Lesezeit
Symbolbild für monokausale Erklärungen: Gescheiterte Beziehung wird auf „ihn“ als einzige Ursache reduziert.
Monokausale Schuldzuweisung ersetzt Analyse durch Erleichterung.

Komplexe Systeme sind unerquicklich. Sie widersprechen unserem Bedürfnis nach Übersicht, Schuldigen und klaren Hebeln. Genau hier setzt ein besonders populärer logischer Fehler an: die Reduktion komplexer Systeme auf monokausale Erklärungen. Ein Phänomen, ein Problem, ein Kollaps – und eine einzige Ursache soll alles erklären. Migration ist das Problem. Der Markt ist schuld. Die Medien manipulieren. Die Gier zerstört alles.


Was kognitiv entlastend wirkt, ist epistemisch fatal.


Der Fehler besteht darin, mehrdimensionale, dynamische und rückgekoppelte Systeme auf eine einzige Ursache zurückzuführen – und diese Ursache dann als hinreichende Erklärung zu behandeln.


Formal betrachtet handelt es sich um eine Kombination aus:

  • Kausaler Verkürzung (oversimplified causation)

  • Scheinkausalität

  • oft gepaart mit post hoc ergo propter hoc

  • und emotionaler Plausibilitätsheuristik („Das fühlt sich richtig an.“)


Komplexe Systeme – ob Gesellschaften, Ökonomien, Ökosysteme oder politische Entscheidungsprozesse – zeichnen sich jedoch durch folgende Eigenschaften aus:

  • Multikausalität (mehrere Ursachen wirken gleichzeitig)

  • Nichtlinearität (kleine Ursachen können große Effekte haben – oder keine)

  • Rückkopplungen (Effekte verändern ihre eigenen Ursachen)

  • Emergenz (Eigenschaften entstehen erst auf Systemebene)

  • Pfadabhängigkeit (frühe Entscheidungen prägen spätere Optionen)


Monokausale Erklärungen ignorieren all das – und ersetzen Analyse durch Erzählung.


Warum unser Gehirn diese Fehler liebt

Die Attraktivität monokausaler Erklärungen ist kein Zufall, sondern ein Nebenprodukt unserer kognitiven Architektur:

  1. Kognitive Ökonomie Komplexität ist anstrengend. Eine Ursache ist billiger als fünf Wechselwirkungen.

  2. Moralische Anschlussfähigkeit Eine Ursache lässt sich personifizieren, dämonisieren oder politisch instrumentalisieren.

  3. Handlungsillusion Wenn es eine Ursache gibt, gibt es auch eine Lösung. Das vermittelt Kontrolle – selbst wenn sie illusorisch ist.

  4. Narrative Kohärenz Geschichten brauchen klare Kausalitäten. Systeme nicht.


Der Preis dieser Vereinfachung ist hoch: falsche Diagnosen erzeugen falsche Therapien.


Beispiele aus Politik, Medien und Alltag


Politik

Arbeitslosigkeit wird auf Migration reduziert. Wohnungsnot auf Zuwanderung. Staatsverschuldung auf Sozialausgaben.


Was ausgeblendet wird:

Zinsumfelder, Demografie, Produktivitätsentwicklung, Bodenpolitik, globale Kapitalströme, institutionelle Fehlanreize, regulatorische Pfadabhängigkeiten.


Das Ergebnis: symbolische Politik statt wirksamer Reformen.


Medien

„Die Jugend ist politikverdrossen wegen Social Media.“

„Der Klimawandel ist schuld an geopolitischer Instabilität.“


Teilursachen werden zur Hauptursache erklärt – weil sie klickbar, bebilderbar und emotional aufladbar sind. Differenzierung stört die Dramaturgie.


Alltag

„Meine Beziehung ist gescheitert wegen Stress.“

„Ich bin unzufrieden wegen meines Jobs.“


Auch hier ersetzt eine bequeme Erklärung eine unbequeme Analyse multipler Faktoren: Kommunikation, Erwartungen, Werte, äußere Zwänge, eigene Entscheidungen.


Monokausale Erklärungen sind letztlich ontologisch naiv. Sie setzen voraus, dass Wirklichkeit so strukturiert ist wie unsere Begriffe – linear, eindeutig, isolierbar.


Schon Aristoteles unterschied vier Ursachen (materiell, formal, effizient, final). Moderne Systemtheorie geht deutlich weiter: Ursachen sind oft keine Dinge, sondern Beziehungsstrukturen.


Niklas Luhmann formulierte es radikal:

In komplexen Systemen ist Kausalität kein Pfeil, sondern ein Netz.

Wer trotzdem auf eine Ursache beharrt, betreibt keine Erkenntnis, sondern Komplexitätsverdrängung.


Warum monokausales Denken gefährlich ist

  1. Politische Fehlsteuerung Wer falsche Ursachen bekämpft, verstärkt oft das eigentliche Problem.

  2. Polarisierung Eine Ursache braucht einen Schuldigen. Schuldige spalten.

  3. Lernblockade Wenn alles erklärt ist, muss nichts mehr verstanden werden.

  4. Systemische Blindheit Rückkopplungen werden übersehen – bis sie eskalieren.


Kurz: Monokausales Denken erzeugt intellektuelle Beruhigung bei realer Eskalation.


Wie man den Fehler erkennt

Eine einfache Checkliste:

  • Wird ein komplexes Problem mit einer Hauptursache erklärt?

  • Werden alternative Faktoren ignoriert oder lächerlich gemacht?

  • Wird moralische Empörung statt analytischer Abwägung angeboten?

  • Gibt es einfache Lösungen für komplexe Effekte?


Wenn ja: Willkommen im Reich der monokausalen Illusion.


Ein rationaler Ausweg

Der Gegenentwurf ist kein Relativismus, sondern strukturierte Komplexität:

  • Ursachenbündel statt Ursache

  • Wahrscheinlichkeiten statt Gewissheiten

  • Modelle statt Schuldzuweisungen

  • Demut statt Erklärungsmonopole


Komplexe Systeme lassen sich nicht „lösen“, sondern stabilisieren, justieren, resilienter machen.


Das ist unbefriedigend. Aber wahr.


Schlussgedanke

Monokausale Erklärungen sind wie Schwarz-Weiß-Fotografien einer farbigen Welt: klar, kontrastreich – und fundamental unzureichend.


Wer komplexe Systeme verstehen will, muss lernen, Mehrdeutigkeit auszuhalten, ohne sie durch falsche Einfachheit zu ersetzen.


Oder anders gesagt:

Wer einfache Antworten auf komplexe Fragen liebt, bekommt am Ende komplexe Probleme mit einfachen Ausreden.


Alltagsbeispiel: „Es lag an ihm

Nach dem Ende einer Beziehung folgt oft eine scheinbar klare Diagnose:

„Es lag an ihm.“

Ein Satz mit bemerkenswerter Effizienz. Drei Wörter, eine Ursache, keine Rückfragen.


Die Funktion der Schuldzuweisung

„Es lag an ihm“ ist keine Erklärung, sondern eine Schuldverlagerung mit Abschlussgarantie.

Der Satz erfüllt mehrere Zwecke gleichzeitig:

  • Er beendet die Analyse.

  • Er entlastet das eigene Selbstbild.

  • Er erzeugt moralische Eindeutigkeit.

  • Er macht aus einem Systemversagen ein Personenproblem.


Komplexität verschwindet zugunsten eines Täters.


Warum Personen als Ursachen so verführerisch sind

Menschen sind kognitiv einfacher als Dynamiken.

Eine Person hat Eigenschaften, Absichten, Fehler. Ein System hat Wechselwirkungen, Rückkopplungen und Mitverantwortung.


„Er war NIE für praktische Fragen der Beziehung verfügbar“ klingt differenziert – ist aber oft nur eine umetikettierte Monokausalität:

  • Welche Erwartungen standen dagegen?

  • Welche Kommunikationsmuster stabilisierten die Distanz?

  • Welche Bedürfnisse blieben unausgesprochen – auf beiden Seiten?


Die Person wird zur Ursache erklärt, das System ignoriert.


Die ausgeblendete Realität

Beziehungen scheitern selten, weil eine Person „so ist, wie sie ist“.

Sie scheitern, weil:

  • Bedürfnisse strukturell inkompatibel sind

  • Konflikte nicht bearbeitet, sondern umgangen werden

  • Verantwortung asymmetrisch verteilt ist

  • Anpassung einseitig erwartet wird

  • frühe Warnsignale rationalisiert wurden


„Er“ ist dabei Teil des Systems – nicht dessen alleinige Ursache.


Der logische Fehler

Die Aussage „Es lag an ihm“ begeht exakt den Fehler der Reduktion komplexer Systeme auf monokausale Erklärungen:

  • Aus Interaktion wird Charakter.

  • Aus Dynamik wird Defekt.

  • Aus Mitverantwortung wird Opferstatus.


Das ist psychologisch verständlich – aber logisch falsch.


Der Preis der Vereinfachung

Wer das Scheitern einer Beziehung auf „ihn“ reduziert, verhindert Lernen:

  • Eigene Muster bleiben unsichtbar.

  • Wiederholungen erscheinen zufällig.

  • Die nächste Beziehung beginnt mit derselben Struktur – nur mit neuem Namen.


Die Erklärung schützt vor Schmerz, aber nicht vor Wiederholung.


Ein nüchterner Gegengedanke

Wenn es wirklich nur an ihm lag, warum war man dann so lange Teil des Systems?

Diese Frage ist unbequem.

Und genau deshalb ist sie erkenntnisfördernd.


Kurzfassung

„Es lag an ihm“ ist keine Analyse, sondern ein kognitives Beruhigungsmittel.

Es vereinfacht, wo Verständnis nötig wäre – und erklärt, wo Lernen beginnen müsste.


Häufige Fragen zu monokausalen Erklärungen


Was ist eine monokausale Erklärung?

Eine monokausale Erklärung führt ein komplexes Phänomen auf eine einzige Ursache zurück. Sie ignoriert Wechselwirkungen, Mehrfachursachen und systemische Dynamiken – und ist daher in komplexen Systemen fast immer unzureichend.


Warum sind monokausale Erklärungen logisch falsch?

Weil komplexe Systeme multikausal, nichtlinear und rückgekoppelt sind. Einzelursachen erklären weder Entstehung noch Stabilität oder Eskalation eines Problems. Monokausales Denken verletzt grundlegende Prinzipien der Kausalität.


Warum sagen Menschen nach einer Trennung „Es lag an ihr/ihm“?

Weil diese Aussage psychologisch entlastet. Sie vereinfacht das Geschehen, schützt das Selbstbild und beendet die Analyse. Logisch betrachtet ersetzt sie jedoch eine Systemanalyse durch eine Schuldzuweisung.


Ist „Es lag an ihr/ihm“ immer falsch?

Als vollständige Erklärung: ja.

Als Teilbeschreibung: möglicherweise.

Probleme entstehen, wenn eine beteiligte Person zur alleinigen Ursache erklärt wird und alle Wechselwirkungen ausgeblendet bleiben.


Was ist der Unterschied zwischen Ursache und Systemdynamik?

Eine Ursache ist ein einzelner Faktor.

Eine Systemdynamik beschreibt das Zusammenspiel mehrerer Faktoren, inklusive Rückkopplungen und Verstärkereffekten. In komplexen Systemen sind Dynamiken erklärungsrelevanter als isolierte Ursachen.


Warum sind monokausale Erklärungen so verbreitet?

Sie reduzieren kognitive Belastung, erzeugen moralische Klarheit und ermöglichen einfache Lösungen. Medien, Politik und Alltag bevorzugen daher einfache Ursachen – selbst wenn sie analytisch falsch sind.


Welche Rolle spielt Schuld bei monokausalem Denken?

Schuld macht Kausalität emotional greifbar. Sie verwandelt strukturelle Probleme in persönliche Defekte. Das erleichtert Urteile, verhindert aber Erkenntnis und Lernen.


Wie erkennt man monokausales Denken im Alltag?

Typische Hinweise sind:

  • eine einzige Hauptursache

  • klare Schuldzuweisung

  • einfache Lösungen für komplexe Probleme

  • Abwertung alternativer Erklärungen

Treffen mehrere Punkte zu, liegt meist eine monokausale Verkürzung vor.


Sind monokausale Erklärungen jemals sinnvoll?

In einfachen, linearen Systemen – ja.

In sozialen, psychologischen oder politischen Kontexten – fast nie. Je höher die Komplexität, desto geringer die Erklärungskraft einzelner Ursachen.


Was ist die Alternative zu monokausalen Erklärungen?

Strukturierte Komplexität:

Ursachenbündel, Wahrscheinlichkeiten, Modelle und systemisches Denken. Das liefert keine einfachen Schuldigen – aber realistischere Erklärungen.


Warum führen monokausale Erklärungen zu Wiederholungsfehlern?

Weil sie Lernen verhindern. Wer nur eine Ursache sieht, erkennt keine Muster. Die Struktur bleibt gleich – nur die Geschichte ändert sich.



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