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Demokratie – zwischen Volkes Wille und Volkes Wohl(Eine philosophische Zumutung)

  • breinhardt1958
  • 15. Dez. 2025
  • 4 Min. Lesezeit


Definition: Demokratie ist nicht die Herrschaft des Volkswillens, sondern ein Verfahren zur friedlichen Korrektur politischer Fehlentscheidungen.


Demokratie gilt als moralischer Endpunkt der politischen Geschichte. Wer sie kritisiert, gerät schnell unter Verdacht, etwas Besseres zu wollen – und damit etwas Gefährliches. Doch genau diese Sakralisierung macht sie blind für ihren inneren Widerspruch: Demokratie beruht auf dem Willen des Volkes, soll aber dem Wohl des Volkes dienen. Dass beides nicht identisch ist, ist keine Provokation, sondern eine philosophische Grundtatsache.


Die Frage ist nicht, ob dieser Konflikt existiert, sondern wie eine Demokratie mit ihm umgeht, ohne sich selbst zu verleugnen.


Wille ist nicht Vernunft

Schon die politische Philosophie der Aufklärung war sich darüber im Klaren, dass „Wille“ kein Garant für Vernunft ist. Spätestens seit Kant wissen wir: Der empirische Wille des Menschen ist geprägt von Neigungen, Affekten, Interessen. Er ist kontingent, situativ und oft widersprüchlich. Vernunft hingegen ist normativ – sie fragt nicht, was wir wollen, sondern was wir wollen sollten, wenn wir uns selbst ernst nehmen.


Demokratie, die den bloßen Mehrheitswillen absolut setzt, begeht daher einen kategorialen Fehler: Sie verwechselt faktische Zustimmung mit normativer Legitimität. Nur weil viele etwas wollen, folgt daraus nicht, dass es gut, richtig oder langfristig tragfähig ist. Der Wille sagt etwas über Machtverhältnisse, nicht über Wahrheit.


Philosophisch gesprochen: Demokratie operiert im Modus der Deskription, das Gemeinwohl im Modus der Normativität. Wer beides gleichsetzt, macht aus Politik eine Statistik.


Rousseaus Dilemma: volonté de tous vs. volonté générale

Jean-Jacques Rousseau, oft missverstanden als Apostel der Volkssouveränität, war einer der schärfsten Kritiker des naiven Mehrheitsdenkens. Er unterschied zwischen der volonté de tous – der Summe individueller Einzelinteressen – und der volonté générale, dem Gemeinwillen, der auf das Wohl aller zielt.


Der entscheidende Punkt: Die volonté générale ist nicht einfach das Ergebnis einer Abstimmung. Sie ist ein normativer Maßstab, der auch gegen aktuelle Mehrheiten stehen kann. Eine Mehrheit kann irren, wenn sie Partikularinteressen mit dem Gemeinwohl verwechselt. Demokratie bedeutet bei Rousseau daher nicht, dass das Volk immer recht hat, sondern dass es sich selbst an ein höheres Prinzip binden muss.


Moderne Demokratien haben diese Zumutung weitgehend verdrängt. Sie behandeln jede Mehrheitsentscheidung als Ausdruck des Gemeinwohls – und immunisieren sich so gegen Selbstkritik.


Der Wille als psychologisches Phänomen

Aus philosophisch-anthropologischer Sicht ist der Volkswille ein hochproblematisches Konstrukt. Er entsteht nicht im luftleeren Raum, sondern unter Bedingungen von Angst, Informationsasymmetrie, sozialem Druck und medialer Verzerrung. Spinoza wusste bereits: Menschen halten sich für frei, weil sie ihre Ursachen nicht kennen.


Der demokratische Wille ist daher selten autonom im kantischen Sinne. Er ist heteronom – beeinflusst von Affekten, Narrative, Feindbildern. Wer diesen Willen ungebremst zur obersten politischen Instanz erhebt, erhebt kollektive Psychologie zur Staatsräson.


Das Wohl des Volkes hingegen verlangt Distanz zu genau diesen Affekten. Es erfordert Reflexion statt Reaktion, Abwägung statt Empörung. Kurz: Es verlangt etwas, das dem spontanen Willen oft widerspricht.


Liberalismus als institutionalisierte Skepsis

Der liberale Verfassungsstaat ist philosophisch gesehen keine Einschränkung der Demokratie, sondern ihre Selbstkorrektur. Gewaltenteilung, Grundrechte, Verfassungsgerichte – all das beruht auf einem tiefen Misstrauen gegenüber dem ungefilterten Willen, auch wenn er mehrheitlich ist.


Diese Skepsis ist kein Elitismus, sondern eine Lehre aus der Geschichte und aus der Anthropologie. Schon John Stuart Mill warnte vor der „Tyrannei der Mehrheit“ – nicht als theoretischer Sonderfall, sondern als strukturelle Gefahr demokratischer Systeme.


Das Wohl des Volkes wird daher nicht dem Willen überlassen, sondern ihm entgegengestellt. Demokratie wird so zu einem System organisierter Selbstbegrenzung.


Populismus: Die philosophische Regression

Populismus ist philosophisch nichts anderes als die Rückabwicklung dieser Selbstbegrenzung. Er erklärt den aktuellen Volkswillen zur höchsten Wahrheit und diskreditiert jede Korrekturinstanz als illegitim. Gerichte, Wissenschaft, Medien gelten dann nicht mehr als notwendige Filter, sondern als Verräter am „eigentlichen“ Volk.


Das ist keine Radikalisierung der Demokratie, sondern ihre Infantilisierung. Der Wille wird absolut gesetzt, das Wohl zur Meinung degradiert. Politik wird zur Gefühlsverwaltung, nicht zur vernünftigen Gestaltung gemeinsamer Zukunft.


In dieser Logik liegt bereits der Keim des Autoritären: Wenn der Wille heilig ist, braucht er irgendwann jemanden, der ihn „durchsetzt“.


Demokratie als Zumutung an das Volk

Die vielleicht unbequemste philosophische Einsicht lautet: Demokratie ist kein Schmeichelinstrument für das Volk, sondern eine dauerhafte Zumutung. Sie verlangt Mündigkeit, Selbstbeschränkung und die Fähigkeit, zwischen kurzfristigem Wunsch und langfristigem Wohl zu unterscheiden.


Kant hätte gesagt: Demokratie setzt voraus, dass Bürger nicht nur ihre Interessen artikulieren, sondern sich als Mitgesetzgeber einer allgemeinen Ordnung begreifen. Wer nur fordert, aber nicht mitdenkt, delegiert Freiheit an Lautstärke.


Ohne diese Haltung wird Demokratie zur bloßen Technik der Mehrheitsbeschaffung – funktional, aber geistlos.


Fazit: Die produktive Spannung

Demokratie lebt nicht von der Auflösung des Konflikts zwischen Volkes Wille und Volkes Wohl, sondern von seiner bewussten Aufrechterhaltung. Der Wille liefert Legitimation, das Wohl liefert Orientierung. Wird eines absolut gesetzt, kippt das System: Entweder in populistische Willkür oder in technokratische Entfremdung.


Eine reife Demokratie erkennt an, dass sie sich selbst misstrauen muss – nicht aus Menschenverachtung, sondern aus Menschenkenntnis. Ihre Stärke liegt nicht darin, immer recht zu haben, sondern darin, Mechanismen zu besitzen, die auch das demokratisch Falsche korrigierbar machen.


Alles andere ist nicht Demokratie, sondern kollektive Selbstüberschätzung mit Stimmzettel.


Große Denker, kleine Illusionen

„Es gibt oft einen großen Unterschied zwischen dem Willen aller und dem allgemeinen Willen.“Jean-Jacques Rousseau - Spoiler: Eine Mehrheit ist noch kein Gewissen.
„Der Mensch kann zwar tun, was er will, aber er kann nicht wollen, was er will.“Arthur Schopenhauer - Freiheit fühlt sich besser an, wenn man nicht darüber nachdenkt.
„Die Tyrannei der Mehrheit ist eine der schlimmsten Formen der Unterdrückung.“Alexis de Tocqueville - Demokratisch gewählt heißt nicht harmlos.
„Der Wille ist ein Vermögen, nur das zu wählen, was die Vernunft als gut erkennt.“Immanuel Kant - Leider erkennt die Vernunft selten, was gerade Trend ist.
„Wenn Menschen Engel wären, bräuchte man keine Regierung.“James Madison - Wir sind es nicht. Deshalb gibt es Regeln. Und Gerichte.
„Die Frage ist nicht, wer herrschen soll, sondern wie wir schlechte Herrscher wieder loswerden.“Karl Popper - Romantische Demokratievorstellungen bitte hier abgeben.
„Der Massenmensch hält seine Meinungen nicht für diskutierbar, sondern für selbstverständlich.“José Ortega y Gasset - Selbstzweifel gelten inzwischen als Demokratiedefizit.
„Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit.“Immanuel Kant - Leider kein automatisches Update nach jeder Wahl.

Zum Schluss, für alle, die jetzt klatschen wollen

„Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen.“Immanuel Kant -Gilt auch dann, wenn die Mehrheit anderer Meinung ist.

Demokratie scheitert nicht daran, dass das Volk entscheidet, sondern daran, dass es zu oft glaubt, Entscheiden ersetze Denken!


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