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Wie Social Media Dummheit belohnt

  • breinhardt1958
  • 12. Dez. 2025
  • 3 Min. Lesezeit

Aktualisiert: vor 2 Tagen



Oder: Warum der lauteste Unsinn meist die größte Reichweite hat


Dummheit hatte es früher schwer. Sie war an Stammtische, Leserbriefspalten und die näselnde Stimme eines entfernten Verwandten auf Familienfeiern gebunden. Heute dagegen ist sie skalierbar, monetarisierbar und algorithmisch optimiert. Social Media hat der Dummheit nicht nur eine Bühne gegeben – es hat sie in ein Geschäftsmodell verwandelt.


Das ist kein kulturpessimistisches Lamento, sondern eine nüchterne Beobachtung: Auf Plattformen wie X, Instagram, TikTok oder Facebook werden nicht Wahrheit, Differenzierung oder Erkenntnis belohnt, sondern Aufmerksamkeit. Und Aufmerksamkeit folgt eigenen Gesetzen – Gesetzen, die erstaunlich gut mit menschlicher Dummheit harmonieren.


Aufmerksamkeit ist die eigentliche Währung

Social Media lebt von Verweildauer, Klicks, Shares und emotionaler Reaktion. Der Algorithmus fragt nicht: Ist das klug?

Er fragt: Bleibt jemand hängen?


Was hängen lässt, ist selten Komplexität. Es sind:

  • einfache Erklärungen für komplexe Probleme

  • klare Schuldige statt struktureller Ursachen

  • Empörung statt Abwägung

  • Gewissheit statt Zweifel


Dummheit ist hier kein Mangel an Intelligenz, sondern eine strategische Vereinfachung der Welt. Sie macht Inhalte leichter konsumierbar, schneller teilbar und emotional verwertbar.


Ein differenziertes Argument braucht Zeit. Ein dummer Take braucht nur Selbstvertrauen.


Der Algorithmus liebt Emotionalität – nicht Wahrheit

Emotion ist der Turbo der Reichweite. Vor allem drei Sorten performen hervorragend:

  1. Wut („Das darf man ja wohl noch sagen!“)

  2. Angst („Niemand redet darüber!“)

  3. moralische Überlegenheit („Ich bin wach, ihr schlaft.“)


Dummheit liefert diese Emotionen zuverlässig. Sie verzichtet auf Unsicherheit, ignoriert Gegenargumente und verpackt Meinung als Fakt. Der Effekt: maximale Wirksamkeit bei minimaler Denkarbeit – für Produzenten wie Konsumenten.


Was kompliziert ist, wird übersehen.

Was falsch ist, aber emotional knallt, wird geteilt.


So entsteht ein paradoxer Zustand: Je irreführender ein Beitrag, desto größer oft seine Reichweite. Nicht trotz, sondern wegen seiner inhaltlichen Schwäche.


Selbstüberschätzung: Die heimliche Leitwährung

Social Media belohnt nicht nur falsche Inhalte, sondern vor allem falsches Selbstvertrauen. Wer zweifelt, relativiert oder abwägt, wirkt unsicher. Wer hingegen absolute Gewissheit ausstrahlt, gilt als „authentisch“.


Hier greift ein alter Bekannter: der Dunning-Kruger-Effekt. Menschen, die wenig wissen, überschätzen sich besonders stark – und treten entsprechend selbstbewusst auf. Genau dieses Auftreten wird auf Plattformen belohnt:

  • klare Ansagen

  • einfache Wahrheiten

  • keine Fußnoten, kein Zögern


Kompetenz dagegen erkennt ihre eigenen Grenzen. Sie klingt vorsichtig, manchmal langweilig, oft anstrengend. Der Algorithmus übersetzt das in: geringe Reichweite.


So entsteht eine bizarre Öffentlichkeit, in der Unwissen als Führungsqualität durchgeht.


Polarisierung schlägt Erkenntnis

Eine kluge Aussage erzeugt oft ein zustimmendes Nicken.

Eine dumme Aussage erzeugt Kampf.


Und Kampf bedeutet Interaktion: Kommentare, Gegenkommentare, Screenshots, Reposts. Für den Algorithmus ist das alles dasselbe: Engagement.


Deshalb werden extreme Positionen sichtbarer gemacht als vermittelnde. Wer spaltet, gewinnt. Wer differenziert, verliert. Die Dummheit hilft hier, weil sie kategorisch denkt: wir vs. die, richtig vs. falsch, gut vs. böse.


Nuancen stören nur.


Belohnungssysteme formen Verhalten

Was belohnt wird, wird wiederholt. Wer merkt, dass provokante Takes mehr Likes bringen als fundierte Analysen, lernt schnell. Dummheit wird performativ – eine Rolle, die man spielt, weil sie sich lohnt.


Viele Akteure sind nicht wirklich dumm. Sie spielen Dummheit, weil sie Reichweite, Anerkennung oder Geld bringt. Empörung wird zur Marke, Ignoranz zum Stilmittel, Vereinfachung zur Strategie.


So korrumpiert Social Media nicht nur Informationen, sondern auch Charaktere.


Die bequem konsumierbare Welt

Dummheit hat noch einen entscheidenden Vorteil: Sie ist angenehm. Sie erspart uns Anstrengung. Wer einfache Antworten konsumiert, muss sich nicht mit Ambivalenzen herumschlagen. Keine kognitive Dissonanz, kein Zweifel, kein Umdenken.


Social Media bietet uns eine Welt auf Fast-Food-Niveau: sättigend, geschmacksintensiv, aber geistig nährstoffarm. Der Algorithmus serviert exakt das, was wir emotional bevorzugen – nicht das, was uns klüger machen würde.


Der Preis der Belohnung

Das Problem ist nicht, dass es Dummheit gibt. Die gab es immer.

Das Problem ist, dass sie heute systematisch belohnt wird.


Die Folgen sind sichtbar:

  • öffentliche Debatten verrohen

  • Vertrauen in Expertise erodiert

  • Extreme wirken plötzlich „normal“

  • Lautstärke ersetzt Argumente


Am Ende entsteht der Eindruck, alle seien dumm geworden – obwohl sich nur die Spielregeln geändert haben.


Was tun?

Ein schneller Ausweg existiert nicht. Solange Aufmerksamkeit die Hauptwährung bleibt, wird Dummheit konkurrenzfähig bleiben. Aber auf individueller Ebene beginnt etwas Entscheidendes:

  • Nicht alles teilen, was empört

  • Misstrauen gegenüber allzu einfachen Erklärungen

  • Aufmerksamkeit als bewusste Ressource begreifen


Denn jeder Klick ist eine Abstimmung. Für Reichweite. Für Sichtbarkeit. Für das, was wir morgen noch häufiger sehen wollen.


Social Media macht uns nicht dumm.

Aber es sorgt sehr effizient dafür, dass Dummheit sich lohnt.


Und genau das ist das eigentliche Problem.



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