Intuitiv dumm: Evolutionäre Altlasten

Mängelwesen Mensch
Die Evolution ist kein kluger Ingenieur. Sie ist eher ein Bastler, der mit Kaugummi, Klebeband und dem, was gerade zufällig herumlag, eine erstaunlich komplexe, aber erbärmlich fragile Konstruktion zusammengepfriemelt hat. Und wir sind das Ergebnis: Homo sapiens, selbsternannter Gipfel der Schöpfung.
Doch bei genauerer Betrachtung fällt vor allem eines auf: Menschen sind von ihrer körperlichen Ausstattung doch irgendwie gegenüber anderen Lebewesen benachteiligt. Mängelwesen, wie es in der philosophischen Anthropologie heißt (Arnold Gehlen).
Wir haben keine Krallen oder Reißzähne, um Beute zu erlegen. Keine natürliche Panzerung, um Fressfeinden zu widerstehen. Kein Fell, um widrigen Umweltbedingungen zu trotzen. Können nicht so gut riechen wie ein Hund, so schnell laufen wie ein Gepard und und und.
Unsere Instinkte sind relativ schwach entwickelt im Vergleich zu Tieren, wo wir denken müssen, reagieren diese einfach - und meist sogar sehr sinnvoll.
Die menschliche Kindheitsphase ist absurd lang, besonders Fluchttiere wie etwa Antilopen werden geboren, versuchen sofort sich aufzurichten, erst noch auf wackligen Füßen, doch schon nach kurzer Zeit sind sie zu eigenständiger Fortbewegung in der Lage. Wir dagegen sind ohne menschliche Fürsorge jahrelang nicht überlebensfähig.
Gehlen selbst ging davon aus, dass der Mensch seine biologischen „Mängel“ durch Kultur, Technik und Intelligenz ausglich, also letztlich durch Denken. Denken mit einem Gehirn, das allen anderen (tierischen) Hirnen überlegen war.
Steinzeit-Gehirn
Grob kann man für die Ausbildung unseres heutigen Gehirns drei Phasen unterscheiden.
In der Zeit von vor ca. 7 Mio. Jahren bis vor etwa 300.000 Jahren ist eine starke Zunahme der Gehirngröße festzustellen. Das Gehirnvolumen dürfte sich etwa verdreifacht haben.
Dann erfolgte von vor 300.000 Jahren bis rund vor 50.000 Jahren, könnte man sagen, ein Umbau zur modernen Struktur.
Das betraf insbesondere den Präfrontalen Cortex (Denken, Planung, Selbstkontrolle), Parietallappen (Integration & räumliches Denken), Temporallappen (Sprache & Gedächtnis) und das Broca-Areal (Sprachproduktion). Wichtig: Vor allem die Verbindungen zwischen diesen Arealen wurde effizienter.
Und danach, nach der Zeit von vor 50.000 oder 40.000 Jahren?
Seitdem fanden nur noch feinere, langsamere Anpassungen statt!
Unsere Hardware hat sich also kaum verändert - und versuche einmal moderne Software auf einem Uraltrechner zu installieren.
Warum unser „Steinzeit-Gehirn“ heute Probleme macht
Hier werde ich nur auf einige Folgen hinweisen, die sich daraus ergeben, dass wir mit einem „alten“ Gehirn in einer neuen Welt zurechtzukommen versuchen. Anmerkung: es sind völlig normale Reaktionen dieses „alten“ Gehirns, keine persönlichen Schwächen.
1. Stresssystem:
Stress bedeutete ursprünglich akute Gefahr (z. B. Raubtier), die Menschen reagierten durch die Fight-or-Flight-Reaktion, danach trat Entspannung ein.
Heute durch Arbeitsanforderungen, Nachrichtenflut, eine Vielzahl sozialer Erwartungen reagiert der Körper nach wie vor immer noch wie bei Lebensgefahr. Das Ergebnis: chronischer Stress, Erschöpfung, Burnout.
Also Daueralarm statt Kurzreaktion.
2. Dopamin-System:
Dopamin war ursprünglich wichtig fürs Überleben, denn eine Dopaminausschüttung, mit den dabei auftretenden angenehmen Gefühlen, belohnte unsere Vorfahren für ihren Erfolg in diesem Sinne.
Heute bieten bietet Social Media schnelle Belohnungen, endlose Reize. Dadurch wird das Gehirn „überstimuliert“, normale Dinge wirken langweilig, Konzentration sinkt.
Um es anders zu sagen: Social Media „hackt“ unser Gehirn.
3. Negativitäts-Bias:
Überleben hing früher davon ab, Gefahren zu erkennen. „Rascheln im Gebüsch = vielleicht Tiger“.
Auch heute noch priorisiert unser Gehirn negative Nachrichten, Risiken, Konflikte. Angst wirkt deshalb stärker als Realität, Medien wirken „übermäßig negativ“.
Einfach gesagt: schlechte Nachrichten dominieren.
4. Soziale Überforderung
Früher bestanden die Gruppen aus ~30–150 Menschen (Dunbar-Zahl).
Heute haben wir Hunderte bis Tausende Kontakte, also permanente Vergleichsmöglichkeiten.
Das bedeutet mehr sozialer Stress, Selbstzweifel, Überforderung.
5. Bewegungsmangel
Für unsere Vorfahren, die Jäger und Sammler, war es überlebenswichtig, dass sie sich bewegten, es gab keinen Supermarkt und die Nahrung stellte sich auch nicht freiwillig zum Verzehr bereit.
Heute haben wir uns umentschieden, benutzen lieber unser Hinterteil statt unserer Beine.
Wir sitzen im Büro, zu Hause, in Bus und Bahn.
Doch unser Gehirn ist an Bewegung gewöhnt, erwartet Bewegung, es ist ein „Bewegungs-Gehirn“.
Und der Mangel daran beeinflusst unsere Stimmung, unser Denken, schadet dem
Stressabbau.
6. Entscheidungsüberlastung
Auch vor Zehntausenden von Jahren mussten Entscheidungen getroffen werden:
Essen? Jetzt, später, gar nicht.
Schlafen oder nicht schlafen?
Fliehen, kämpfen, abwarten?
Für das Überleben wichtig, aber überschaubar.
Heute müssen (?) ständig Entscheidungen getroffen werden:
Was kaufen angesichts eines schier endlosen Angebots?
Was posten, denn ohne den täglichen Post kann man ja nicht beruhigt einschlafen?
Das führt zu dem, was man Decision Fatigue nennt, Erschöpfung und schlechteren Entscheidungen.
Fazit: Intuitiv dumm – aber strategisch sinnvoll
Menschen sind nicht wegen mangelnder Intelligenz intuitiv dumm.
Wir sind es, weil unser Gehirn für eine andere Welt gebaut wurde – eine Welt mit Raubtieren, kleinen Stämmen und begrenzten Ressourcen. Unser heutiges Umfeld hat diese Module überholt, aber die Evolution hat noch kein Update geliefert.
Bis dahin bleibt uns nur eines:
Unsere Intuition nicht als heilige Wahrheit behandeln, sondern als das, was sie ist – ein alter, fehleranfälliger, aber liebenswerter Algorithmus.
Und ja: Viele unserer spontanen Gedanken sind evolutionäre Altlasten, die wir dringend in den Ruhestand schicken sollten.



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