Ist es nicht dumm, über Dummheit zu schreiben?
- breinhardt1958
- 24. Aug. 2025
- 2 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 1. Jan.

Eine durchaus berechtigte Frage. Bevor wir uns also mit Schwung, Selbsthass und leichtem Bildungsdünkel in die unendlichen Weiten menschlicher Dummheit stürzen, sollten wir wenigstens kurz prüfen, ob dieses Unterfangen nicht bereits am Start scheitert.
Nehmen wir – rein hypothetisch, versteht sich – folgende Prämisse an:
Alle Menschen sind dumm.
Mit hoher Wahrscheinlichkeit bin ich ein Mensch. Statistisch gesehen sogar ziemlich sicher.
Damit sind wir schon mitten in der Logik. Und zwar nicht in dieser gefühligen Alltagslogik („Das fühlt sich aber falsch an!“), sondern in der kalten, gnadenlosen Variante, die Aristoteles bereits kannte, als Dummheit noch ehrlicher war.
Die Struktur ist ein klassischer kategorischer Syllogismus:
P1: Alle A sind B.
P2: C ist A.
K: C ist B.
Übersetzt:
A = Menschen
B = dumm
C = ich
Oder, für Freunde formaler Nüchternheit:
P1: ∀x (Mx → Dx)
P2: Mi
K: Di
Ergebnis:
Ich bin dumm.
(Sieh an. Ich habe es also schwarz auf weiß. Endlich wissenschaftlich belegt.)
Dieser Schluss ist formal logisch gültig. Und das ist der Punkt, an dem viele Menschen bereits aussteigen – meist mit dem Satz: „Aber das stimmt doch gar nicht!“
Doch genau das ist irrelevant.
Logische Gültigkeit hat nichts mit Wahrheit zu tun. Sie beschreibt ausschließlich, ob die Konklusion zwingend aus den Prämissen folgt. Wenn P1 und P2 wahr wären, muss K wahr sein. Punkt. Das nennt man Deduktion – etwas, das man weder wegfühlen noch wegdiskutieren kann.
Zur Verdeutlichung ein Klassiker:
„Alle Einhörner können fliegen.“
„Sokrates ist ein Einhorn.“
→ „Sokrates kann fliegen.“
Formal perfekt. Inhaltlich kompletter Unsinn.
Willkommen in der Logik.
Wenn wir diesen Gedanken nun aus dem Elfenbeinturm der Formallogik in die schmutzige Realität tragen (unter Zuhilfenahme probabilistischer Gesetze und schmerzhafter Selbsterkenntnis), liegt ein weiterer Verdacht nahe:
Ein nicht unerheblicher Teil dessen, was ich hier schreibe, dürfte ebenfalls dumm sein.
Das ist keine Koketterie, sondern Konsequenz.
Denn der eigentliche Denkfehler liegt nicht im Schluss, sondern in der Prämisse:
„Alle Menschen sind dumm“ ist eine grobe, empirisch nicht haltbare Verallgemeinerung. Wäre sie wahr, ließen sich weder Mathematik noch Technik, weder Philosophie noch Verwaltung erklären – ganz zu schweigen von Waschmaschinen mit Restlaufanzeige.
Also noch einmal von vorn, diesmal weniger absolutistisch.
Menschen sind nicht immer und nicht ausschließlich dumm.
Aber: Niemand ist frei davon.
Dummheit ist kein Zustand, sondern ein Verteilungsmuster.
Sie äußert sich in Häufigkeit, Intensität, Reichweite und Kollateralschäden. Manche denken selten dumm, aber folgenreich. Andere konstant, dafür folgenlos. Wieder andere haben aus ihrer Dummheit ein Geschäftsmodell gemacht.
Dummheit ist individuell, situativ und erstaunlich resistent gegen Bildung.
Sie wächst mit Überzeugung, nicht mit Wissen.
Und jetzt wird es heikel:
Der Satz „Ich bin dumm“ ist nur dann korrekt, wenn er von jemandem geäußert wird, der nicht vollständig dumm ist – denn nur dann erkennt er seine eigene Fehlbarkeit. Wer wirklich dumm ist, hält sich für klug. Immer. Ausnahmslos. Mit moralischem Furor.
Das berühmte Paradox:
Selbsterkenntnis ist der erste Schritt aus der Dummheit – und gleichzeitig ihr sicherster Beweis.
Bleibt also die Frage vom Anfang:
Ist es dumm, über Dummheit zu schreiben?
Wahrscheinlich ja.
Aber nicht völlig.
Und genau darin liegt die Hoffnung:
Dass dieser Blog kein reines geistiges Onanieren ist, sondern ein öffentlicher Versuch, die eigene Dummheit wenigstens sichtbar, analysierbar und angreifbar zu machen.
Mehr können wir realistischerweise nicht erwarten.



.. Selbstkritik bewahrt vor Dummheit.
.. ja auch ich bin dumm bei Themen, die ich nicht selbstkritisch durchdacht habe.