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Kollektive Dummheit und ihre Ökosysteme

  • breinhardt1958
  • 3. Dez. 2025
  • 4 Min. Lesezeit

Aktualisiert: vor 4 Tagen

Symbolische Darstellung kollektiver Dummheit in sozialen und medialen Systemen

Warum Blödsinn selten allein kommt – und meistens Freunde mitbringt

Wenn man lange genug Menschen beobachtet, bekommt man den Eindruck, dass Dummheit weniger ein individuelles Problem ist als ein biologischer Schwarmvorteil – nur eben für den Schwarm, nicht für die Realität. Einzelne können klug sein, aber sobald sie sich zu Mehrheiten formieren, verwandeln sie sich zuverlässig in eine Art intellektuellen Molch: zäh, langsam, unzerstörbar und erstaunlich selbstzufrieden. Kollektive Dummheit ist nicht einfach nur viele individuelle Unzulänglichkeiten nebeneinander. Nein, sie ist organisiert, strukturiert und biologisch erstaunlich stabil.

Während die Evolution uns mit einem Gehirn ausgestattet hat, das theoretisch Atome spalten, Sonette schreiben und den perfekten Espresso herstellen kann, reicht ein mittelgroßer Telegram-Chat, um all diese Fähigkeiten zu pulverisieren. Und das Erstaunliche: Jeder dumme Gedanke findet sein Ökosystem – ein Nährboden, der ihn pflegt, beschützt und dafür sorgt, dass er sich vermehrt wie ein Kaninchen auf Eiweißshake.

Dummheit braucht Habitat – und bekommt es auch

Ein Ökosystem der kollektiven Dummheit ist nicht einfach eine Gruppe Unwissender, die zufällig denselben Weg nach unten findet. Es ist eher eine Art biotisches Netzwerk aus Meme-Äckern, Angstpflanzen und Bestätigungsparasiten. Damit kollektive Dummheit gedeihen kann, braucht es:

  1. Ein narratives Wasserloch:

    Etwas, das alle gern trinken, selbst wenn es giftig ist. Früher waren das Lagerfeuergeschichten, heute sind es algorithmisch empfohlene Kurzvideos mit einer Halbwertszeit von drei Sekunden.

  2. Frei flottierende Kränkungen:

    Das Grundrauschen jeder stabilen Dummheits-Population. Wer gekränkt ist, denkt schlechter – und fühlt sich gleichzeitig im Recht.

  3. Ein Minimum an Technologie:

    Satelliteninternet hat mehr kollektive Dummheit erzeugt als jeder mittelalterliche Aberglaube. Nicht, weil Menschen dümmer geworden wären, sondern weil jetzt jeder seine eigene Sekte gründen kann – spontan, aus Versehen und zwischen zwei Katzenvideos.

  4. Ritualisierte Abwehrmechanismen:

    Damit Fakten nicht versehentlich eindringen und die Population destabilisieren. Klassisch: „Das darf man ja wohl mal sagen“, „Mach mal eigene Recherche“ oder „Die Zeitungen gehören alle dem gleichen Mann“.

Kollektive Dummheit ist also nicht das Fehlen von Intelligenz. Es ist das Vorhandensein eines Ökosystems, das Intelligenz nicht mehr rentabel macht.

Die drei großen Ökosystemtypen der kollektiven Dummheit

1. Die Echokammer-Savanne

In der Savanne weiß jeder, dass es gefährlich ist, allein herumzulaufen. Löwen! Hitze! Menschen mit funktionierenden Argumenten! Also bleiben die Tiere im Rudel. Genau so funktioniert die Echokammer: ein weiter, offener Raum, in dem alle dasselbe brüllen und sich gegenseitig einreden, dass Stille etwas Bedrohliches wäre.

Die Savanne der kollektiven Dummheit ist besonders stabil, weil sie Komplexität ausblendet. Die Welt wird auf wenige fauchende Prinzipien reduziert: Wir gegen die, Wahrheit gegen Lüge, „Die Medien“ gegen „Die Wachen“. Und weil Komplexität verschwindet, können selbst extrem komplizierte Ereignisse mit erstaunlich einfachen Theorien erklärt werden.

Was man in der Echokammer-Savanne nie hört: „Das weiß ich gerade nicht.“

2. Der Informationssumpf

Hier wachsen Überzeugungen wie Schlingpflanzen. Wer einmal drinsteht, bewegt sich – egal wie – in die falsche Richtung. Der Sumpf liebt Menschen, die nach Orientierung suchen, und versorgt sie zuverlässig mit feuchten Halbwahrheiten, die sich gut anfühlen, aber schlecht tragen.

Charakteristische Tiere:

  • Der „Statistik-Storch“, der falsche Korrelationen über weite Strecken trägt.

  • Der „Relevanz-Regenwurm“, der jede Nebensächlichkeit zum Weltuntergang aufbläst.

  • Die „Kontext-Kröte“, die alles aus dem Zusammenhang reißt und sich dabei tief befriedigt fühlt.

Der Informationssumpf ist nicht gefährlich, weil er Menschen täuscht – sondern weil er sie unterhält, während sie langsam versinken.

3. Die Empörungskorallenriffe

Dies sind farbenfrohe, chaotische, hochproduktive Ökosysteme. Hier entstehen täglich neue Empörungsorganismen, die sich gegenseitig fressen, paaren und verstärken. Korallenriffe sind unglaublich vielfältig, aber auch extrem empfindlich gegenüber Information, die nicht empörungskompatibel ist.

Typische Eigenschaften:

  • Kurze Halbwertszeit: Jede Empörung lebt 12–48 Stunden. Danach ist das Riff bereit für die nächste Laichphase.

  • Riffpolizei: Wer nicht empört genug ist, wird als Verräter markiert.

  • Inflation: Wenn alles schlimm ist, muss das Nächste noch schlimmer sein.

Die Empörungskorallenriffe sind fragil und gleichzeitig hyperproduktiv – ein paradoxes Gleichgewicht, das kollektive Dummheit liebt.

Warum kollektive Dummheit immer effizienter ist als individuelle Intelligenz

Menschen sind soziale Tiere. Und soziale Tiere orientieren sich nicht an der Wahrheit, sondern an anderen sozialen Tieren. Die Wahrheit hat nun einmal keine Fangzähne, keinen Leithammel und keinen Futterplatz. Sie wirkt unspektakulär – manchmal so unspektakulär, dass sie im Wettbewerb gegen ein gut erzähltes Meme chancenlos ist.

Kollektive Dummheit dagegen bietet:

  • Orientierung: einfache Regeln, einfache Feindbilder, einfache Antworten.

  • Ein Gefühl von Gemeinschaft: „Die anderen da draußen sind blind – aber wir sehen klar.“

  • Emotionalen Komfort: Empörung fühlt sich aktiver an als Nachdenken.

  • Selbstwert: Wer Teil eines dummen Schwarms ist, fühlt sich selbst plötzlich klüger.

  • Niedrige Eintrittsbarrieren: Keine Fachkenntnisse, nur WLAN.

Intelligenz ist langsam, differenziert, mühsam. Kollektive Dummheit ist ein All-inclusive-Cluburlaub für den Verstand.

Kann man kollektive Dummheit überhaupt brechen?

Kurz: Ja, aber nicht mit Faktenhammer oder Klugscheißerkralle. Kollektive Dummheit ist resistent gegen direkte Angriffe – wie ein Kaktus, den man anschreit.

Was funktioniert eher:

  • Individuelle Kontakte: Menschen verlassen kollektive Dummheit nicht, weil sie überzeugt werden, sondern weil sie jemanden kennenlernen, der anders tickt.

  • Komplexität zulassen: Nicht alles erklären, aber zeigen, dass Grautöne existieren.

  • Humor: Nichts trocknet ein Dummheits-Ökosystem schneller aus.

  • Allmähliche Reibung: Die meisten verlassen ihre Gruppe leise, ohne große Erleuchtung, einfach weil sie irgendwann merken: „Hier sind aber viele Leute sehr, sehr seltsam.“

Aber ehrlich gesagt: Die Ökosysteme bleiben bestehen. Dummheit ist unzerstörbar – sie recycelt sich dauerhaft. Die Frage ist also nicht, ob wir kollektive Dummheit verhindern können, sondern ob wir sie verstehen und uns selbst regelmäßig fragen, in welchem ihrer Ökosysteme wir gerade stehen.

Denn die unangenehme Wahrheit lautet: Niemand ist immun. Wir alle haben unsere Savannen, Sumpfe und Korallenriffe. Die klügsten Menschen sind oft nur eine schlechte Woche entfernt von einer richtig guten Dummheit.


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