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Prämierte Ignoranz – Wie gesellschaftliche Belohnungssysteme menschliche Dummheit kultivieren

  • breinhardt1958
  • 16. Jan.
  • 3 Min. Lesezeit

Aktualisiert: vor 13 Stunden

Satirische Darstellung gesellschaftlicher Belohnungssysteme, die Ignoranz und Dummheit durch Applaus, Likes und Geld verstärken
Wenn Aufmerksamkeit mehr zählt als Erkenntnis: Die soziale Prämierung von Ignoranz

Es gehört zu den beruhigenden Selbstbildern moderner Gesellschaften, sich als lernfähig, rational und am Fortschritt orientiert zu verstehen. Bildung, Wissenschaft und Aufklärung gelten als normative Leitsterne. Und doch lässt sich ein paradoxes Phänomen beobachten: Nicht trotz, sondern gerade wegen bestimmter gesellschaftlicher Belohnungssysteme wird offenkundige Dummheit stabilisiert, verstärkt und bisweilen sogar zur Erfolgsstrategie erhoben. Gemeint ist dabei nicht mangelnde Intelligenz im biologischen Sinn, sondern ein strukturelles Muster aus Denkfaulheit, epistemischer Verantwortungslosigkeit und kognitiver Bequemlichkeit – also das, was man mit guten Gründen als funktionale Dummheit bezeichnen kann.


Philosophisch betrachtet ist Dummheit kein bloß individuelles Defizit, sondern ein soziales Verhältnis. Schon Kant definierte Aufklärung als „Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit“. Entscheidend ist dabei nicht das Fehlen von Verstand, sondern der Mangel an Mut, ihn zu benutzen. Genau hier setzen moderne Belohnungssysteme an – allerdings in umgekehrter Richtung. Sie schaffen Anreize, den eigenen Verstand gerade nicht zu gebrauchen, sondern ihn zugunsten sozialer Anerkennung, emotionaler Entlastung oder ökonomischer Vorteile zu suspendieren.


Gesellschaftliche Belohnungssysteme wirken auf unterschiedlichen Ebenen: ökonomisch, sozial, medial und psychologisch. In allen Fällen folgt ihre Logik nicht dem Wahrheitsgehalt einer Aussage oder der Qualität eines Arguments, sondern ihrer Anschlussfähigkeit. Wer bestätigt, was ohnehin geglaubt werden will, wird belohnt – mit Aufmerksamkeit, Zustimmung, Likes, Karrierechancen oder moralischem Applaus. Wer hingegen irritiert, differenziert oder widerspricht, riskiert Sanktionen: Ausschluss, Unsichtbarkeit oder soziale Kosten. Unter diesen Bedingungen ist es rational, sich dumm zu stellen.


Die Soziologie kennt dieses Phänomen seit Langem. Niklas Luhmann beschrieb moderne Gesellschaften als funktional differenzierte Systeme, die nicht nach Wahrheit, sondern nach systeminternen Codes operieren. In den Medien lautet dieser Code Aufmerksamkeit, in der Politik Macht, in der Wirtschaft Profit. Wahrheit ist bestenfalls ein Nebenprodukt. Wer diese Codes bedient, wird belohnt – unabhängig davon, ob seine Aussagen sinnvoll, widerspruchsfrei oder empirisch haltbar sind. Dummheit wird hier nicht trotz, sondern wegen ihrer Vereinfachungskraft attraktiv: Sie reduziert Komplexität, erzeugt klare Fronten und liefert einfache Schuldige.


Psychologisch lässt sich dieses Muster gut erklären. Der Mensch ist kein neutraler Wahrheitssucher, sondern ein kognitiv ökonomisches Wesen. Zahlreiche Studien aus der Kognitionsforschung zeigen, dass wir systematisch Denkabkürzungen bevorzugen, Unsicherheit meiden und Bestätigung suchen. Belohnungssysteme, die genau diese Tendenzen verstärken, wirken wie ein Brandbeschleuniger. Der Confirmation Bias wird nicht korrigiert, sondern monetarisiert; der Dunning-Kruger-Effekt nicht entlarvt, sondern medial verwertet. Wer wenig weiß, aber viel behauptet, hat bessere Chancen auf Reichweite als jemand, der differenziert und zweifelt.


Besonders deutlich zeigt sich dies in digitalen Öffentlichkeiten. Soziale Medien belohnen nicht Erkenntnis, sondern Reaktionsstärke. Empörung schlägt Argument, Gewissheit schlägt Skepsis, Lautstärke schlägt Reflexion. Algorithmen sind dabei keine bösen Akteure, sondern konsequente Vollstrecker menschlicher Präferenzen. Sie optimieren auf das, was wir klicken, teilen und kommentieren. Dass dabei extreme, vereinfachende oder schlicht falsche Inhalte bevorzugt werden, ist kein technischer Fehler, sondern ein sozialpsychologisches Resultat. Dummheit wird sichtbar, weil sie performativ erfolgreich ist.


Doch auch jenseits digitaler Räume greifen diese Mechanismen. In Organisationen etwa werden häufig nicht die Kompetentesten befördert, sondern die Angepasstesten. Wer bestehende Routinen nicht hinterfragt, sondern reproduziert, gilt als „teamfähig“. Wer Probleme benennt, gilt als schwierig. Der Organisationssoziologe Charles Perrow sprach in diesem Zusammenhang von „normalen Abweichungen“: Strukturelle Fehlanreize erzeugen systematisch irrationales Verhalten, das intern jedoch als rational erscheint. Dummheit wird hier nicht bestraft, sondern zur Voraussetzung des reibungslosen Funktionierens.


Philosophisch zugespitzt ließe sich sagen: Moderne Belohnungssysteme erzeugen eine Ethik der epistemischen Verantwortungslosigkeit. Wahrheit wird zur Meinung, Wissen zur Haltung, Irrtum zur Identität. Wer seine Überzeugungen ändert, verliert nicht nur Argumente, sondern soziale Positionen. Unter diesen Bedingungen ist es konsequent, an offenkundig falschen Annahmen festzuhalten – nicht aus Unwissen, sondern aus Loyalität gegenüber der eigenen Gruppe. Dummheit wird moralisiert und damit immunisiert.


Das eigentlich Beunruhigende ist dabei nicht die Existenz von Dummheit, sondern ihre strukturelle Rationalität. Wer sich dumm verhält, handelt oft vollkommen vernünftig – gemessen an den Anreizen, die ihm geboten werden. Das Problem liegt daher weniger im Individuum als in den Systemen, die bestimmtes Verhalten belohnen. Eine Gesellschaft, die Aufmerksamkeit höher bewertet als Erkenntnis, Konformität höher als Kritik und Emotion höher als Argument, darf sich über die Resultate nicht wundern.


Eine ernsthafte Kritik der Dummheit muss daher bei den Belohnungssystemen ansetzen. Sie müsste fragen, welche Formen von Denken, Sprechen und Zweifeln gesellschaftlich honoriert werden – und welche nicht. Aufklärung wäre dann weniger eine pädagogische Aufgabe als eine institutionelle: die Schaffung von Strukturen, in denen es sich lohnt, klug zu sein. Solange jedoch Dummheit effizienter belohnt wird als Reflexion, bleibt sie nicht nur verständlich, sondern unvermeidlich.


Die Verstärkung menschlicher Dummheit ist kein Unfall der Moderne, sondern eine ihrer Nebenwirkungen. Wer sie bekämpfen will, muss bereit sein, auf bequeme Belohnungen zu verzichten – und das ist vielleicht die höchste Hürde der Vernunft.

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