Wahrheit, Verfahren und kollektive Verblödung – Eine kleine Systematik menschlicher Irrtümer (Wahrheit und Dummheit)
- breinhardt1958
- 7. Sept. 2025
- 3 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 3. Jan.

Bevor wir uns den wirklich unterhaltsamen Formen menschlicher Dummheit widmen – jenen, die man mit ein paar hübschen logischen Symbolen auseinandernehmen kann –, lohnt ein kurzer Blick auf die verschiedenen gesellschaftlichen Bereiche und ihre jeweils eigene Beziehung zur Wahrheit. Nicht, weil dort überall nach ihr gesucht würde. Sondern weil überall andere, erstaunlich stabile Mechanismen existieren, um Dummheit zumindest nicht allzu peinlich wirken zu lassen.
Wissenschaft – Wahrheit als asymptotische Hoffnung
Man muss der Wissenschaft eines lassen: Sie meint es ernst. Zumindest strukturell. Ihr erklärtes Ziel ist Erkenntnis, also – in einem vorsichtigen, beinahe schüchternen Sinn – Wahrheit. Niemand, der halbwegs bei Verstand ist, glaubt hier noch an endgültige Wahrheiten. Wissenschaftliche Wahrheit ist immer vorläufig, immer revidierbar, immer nur die aktuell beste Annäherung an eine Realität, die sich hartnäckig weigert, sich vollständig erklären zu lassen.
Um allzu grobe Denkfehler zu vermeiden, hat die Wissenschaft im Laufe ihrer Geschichte ein beeindruckendes Regelwerk entwickelt. Objektivität, Reproduzierbarkeit, Peer Review – alles sinnvolle Instrumente gegen Wunschdenken und Selbsttäuschung. Problematisch wird es dort, wo diese Standards nicht mehr Mittel, sondern Zweck werden. Inhaltlich nachvollziehbar, formal oft absurd. Ein Galilei, ein Lukrez oder auch ein Platon hätten heute vermutlich Schwierigkeiten, ihre Arbeiten durch ein Begutachtungsverfahren zu schleusen. Wer nicht in der richtigen Form irrt, irrt offenbar falsch.
Diese Standards fördern eine sehr spezifische Wahrheitstheorie: die Korrespondenztheorie. Wahr ist, was mit den Fakten übereinstimmt. Veritas est adaequatio rei et intellectus. Modelle sollen die Welt möglichst exakt abbilden, Hypothesen werden getestet, Falsifikation ist heiliger als Bestätigung. Das ist methodisch sinnvoll – und epistemologisch gefährlich. Denn wer vergisst, dass auch Modelle Konstruktionen sind, verwechselt schnell Messgenauigkeit mit Wahrheit. Ob die Wissenschaft uns „die Wahrheit“ sagt? Sie sagt uns, was unter ihren Regeln nicht widerlegt werden konnte. Das ist viel – aber etwas anderes.
Recht – Wahrheit als Ergebnis korrekter Abläufe
Im Recht geht es nicht primär um Wahrheit, sondern um Gerechtigkeit. Und Gerechtigkeit entsteht nicht durch Erkenntnis, sondern durch Verfahren. Die berühmte „gerichtliche Wahrheit“ ist das Resultat eines institutionalisierten Streits zwischen Anklage und Verteidigung, moderiert von einer Instanz, die neutral sein sollte. Diese Wahrheit ist regelgebunden, nicht wirklichkeitsgebunden.
Natürlich strebt das Recht eine Korrespondenz zur Realität an. Aber nur innerhalb dessen, was beweisbar, zulässig und verfahrenskonform ist. Beweise fehlen, Zeugen lügen, Erinnerungen trügen – und trotzdem muss entschieden werden. Kohärenz ist hier oft wichtiger als Wahrheit: Ein Urteil muss logisch konsistent sein und zur bestehenden Rechtsordnung passen. Dass Prozesswahrheit und objektive Wahrheit auseinanderfallen können, ist kein Betriebsunfall des Systems, sondern sein Normalzustand. Für die Betroffenen ist das gelegentlich fatal. Für das System irrelevant.
Politik – Wahrheit als taktisches Accessoire
In der Politik wird die Sache unerquicklich. Wahrheit ist hier kein Ziel, sondern ein Rohstoff. Sie wird portioniert, zugespitzt, weggelassen oder notfalls erfunden – je nach strategischem Bedarf. Politische Wahrheiten entstehen durch Mehrheiten, Narrative und Wiederholung. Wer oft genug Unsinn sagt, erzeugt irgendwann Zustimmung. Nicht, weil der Unsinn wahr wäre, sondern weil er vertraut klingt.
Besonders unterhaltsam ist das ritualisierte Schauspiel zwischen Regierung und Opposition. Die Opposition weiß grundsätzlich alles besser, die Regierung ist inkompetent, verantwortungslos oder beides. Nach einem Regierungswechsel tritt dann ein erstaunlicher Effekt ein: Die bisherige Opposition erleidet kollektiv einen intellektuellen Totalausfall, während die zuvor unfähige Regierung plötzlich mit prophetischer Klarheit ausgestattet ist. Offenbar wirkt Macht wie ein kognitives Narkotikum – nur leider selektiv.
Ein Politiker wäre erst dann glaubwürdig, wenn er auf die Frage „Nehmen Sie die Wahl an?“ antwortete: „Nein. Mein Gegenkandidat ist objektiv besser geeignet.“ Dass so etwas nicht vorkommt, sagt mehr über Politik als tausend Sonntagsreden.
Alltag – Wahrheit als variables Hilfsmittel
Im Alltag schließlich wird Wahrheit endgültig relativiert. Hier dient sie nicht der Erkenntnis, nicht der Gerechtigkeit und schon gar nicht der Aufklärung, sondern dem sozialen Funktionieren. Wahrheit ist das, was Beziehungen stabil hält, Konflikte vermeidet oder zumindest vertagt. Absolute Ehrlichkeit gilt als unhöflich, taktlos oder psychopathisch. Die Wahrheit wird dosiert, angepasst, manchmal vollständig ersetzt.
Was hier kaum eine Rolle spielt, ist die eigene Dummheit. Sie wird nicht reflektiert, nicht problematisiert, nicht einmal bemerkt. Man irrt sich – und macht weiter. Der Alltag verzeiht fast alles, solange man dabei halbwegs sympathisch bleibt.
Zwischenfazit:
Je näher ein Bereich an formale Regeln gebunden ist, desto raffinierter werden seine Mechanismen zur Vermeidung offenkundiger Dummheit. Je näher er am menschlichen Miteinander liegt, desto flexibler wird der Wahrheitsbegriff. Und je größer der Machtanspruch, desto schamloser der Umgang mit beidem.
Die wirklich interessanten Formen der Dummheit beginnen allerdings erst dort, wo Menschen überzeugt sind, rational zu handeln. Aber dazu später.



Bernd, du trifft den Nagel voll auf den Kopf! Respekt