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Wenn moralische Empörung Zahlen ersetzt

  • vor 26 Minuten
  • 4 Min. Lesezeit
Illustration zum Thema moralische Empörung vs. Statistik in der deutschen Politik
Empörung statt Empirie – Politische Analyse

Moralische Empörung ist ein mächtiges politisches Instrument. Sie mobilisiert, sie vereinfacht, sie erzeugt Aufmerksamkeit. Sie schafft klare Frontlinien in einer komplexen Welt. Doch genau darin liegt ihr Problem: Sie ersetzt häufig die quantitative Wirklichkeitsprüfung durch emotionale Evidenz.


Wenn politische Entscheidungen primär von moralischer Intensität statt von statistischer Relevanz geleitet werden, verschiebt sich der Maßstab. Nicht mehr die Größe eines Problems entscheidet über seine Priorität, sondern seine mediale und emotionale Resonanz.


Die eigentliche Dummheit besteht daher nicht im Vorhandensein von Empörung – sondern in ihrer Funktion als Ersatz für Zahlen.


I. Warum wir Risiken falsch einschätzen

Die moderne Risikoforschung zeigt seit Jahrzehnten, dass Menschen Gefahren systematisch verzerrt wahrnehmen.


Der Psychologe Paul Slovic beschreibt in seiner grundlegenden Arbeit Perception of Risk (Science, 1987), dass Risiken nicht nach statistischer Wahrscheinlichkeit bewertet werden, sondern nach emotionalen Kriterien:


  • Kontrollverlust

  • Katastrophenbilder

  • Unfreiwilligkeit

  • Neuartigkeit


Ein einzelner spektakulärer Anschlag erzeugt mehr Furcht als tausende alltägliche Todesfälle im Straßenverkehr – obwohl die statistische Wahrscheinlichkeit massiv differiert.


Bereits Daniel Kahneman und Amos Tversky zeigten 1974 in Judgment under Uncertainty, dass Menschen zur sogenannten Verfügbarkeitsheuristik neigen: Was leicht erinnerbar ist, erscheint häufiger.


Das ist kognitiv nachvollziehbar.

Aber politisch ist es gefährlich.


II. Beispiel 1: Terrorismus vs. Verkehrstote in Deutschland

Ein nüchterner Blick auf Zahlen relativiert manche Erregungsschleife.


Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes (Destatis) sterben in Deutschland jährlich rund 2.700–3.000 Menschen im Straßenverkehr. Diese Zahl schwankt leicht, bleibt aber strukturell hoch.


Demgegenüber sind terroristische Anschläge – trotz ihrer politischen und moralischen Wucht – statistisch seltene Ereignisse. Das bedeutet nicht, dass sie moralisch weniger relevant sind. Aber es bedeutet, dass ihr quantitatives Risiko geringer ist als das alltägliche Verkehrsrisiko.


Und dennoch:


  • Verkehrssicherheit ist selten dominierendes Wahlkampfthema.

  • Terrorismus bestimmt regelmäßig Schlagzeilen und Gesetzgebung.


Hier zeigt sich die strukturelle Verzerrung:

Empörung folgt Ereignissen, nicht Basisraten.


Die Diskrepanz zwischen wahrgenommenem und tatsächlichem Risiko ist empirisch gut belegt. Emotional aufgeladene Ereignisse dominieren die öffentliche Aufmerksamkeit – selbst wenn ihr statistisches Gewicht gering ist.



Quelle:

Statistisches Bundesamt (Destatis), Verkehrsunfälle – Jahresstatistik.

Bundeskriminalamt (BKA), Polizeiliche Kriminalstatistik / Terrorismuslagebild.


III. Der Basisratenfehler als politische Routine

Der sogenannte Base-Rate-Neglect – also die Vernachlässigung von Grundwahrscheinlichkeiten – ist kein akademisches Detail, sondern ein systemischer Fehler politischer Kommunikation.


Ein Einzelfall erzeugt normative Überreaktionen:


  • neue Straftatbestände

  • verschärfte Überwachung

  • symbolische Verschärfungen


Doch selten wird transparent gefragt:

  • Wie häufig ist das Phänomen tatsächlich?

  • Welche Nebenwirkungen entstehen?

  • Welche Opportunitätskosten entstehen?


Politik reagiert auf Intensität, nicht auf Proportion.


IV. Beispiel 2: Klimapolitik und Symbolwirkung

Deutschland emittierte laut Umweltbundesamt 2023 rund 673 Millionen Tonnen CO₂-Äquivalente.


Der Straßenverkehr macht etwa 20 % der Gesamtemissionen aus.


Die Debatte um ein generelles Tempolimit auf Autobahnen ist moralisch hoch aufgeladen. Schätzungen des Umweltbundesamtes gehen jedoch – je nach Ausgestaltung – von einer Einsparung im niedrigen einstelligen Millionen-Tonnen-Bereich aus.


Das heißt nicht, dass ein Tempolimit sinnlos wäre.

Aber es heißt: Seine Wirkung muss ins Verhältnis gesetzt werden.


Demgegenüber besitzen strukturelle Maßnahmen – etwa energetische Gebäudesanierung – erheblich größere Einsparpotenziale, sind jedoch politisch weniger symbolisch aufgeladen.


Die mediale Intensität der Debatte korreliert nicht zwingend mit der Emissionswirkung.


Empörung ersetzt hier Systemanalyse.



Politische Aufmerksamkeit folgt nicht automatisch der Emissionswirkung. Maßnahmen mit geringerer symbolischer Sichtbarkeit erzielen häufig höhere systemische Effekte.


Quelle:

Umweltbundesamt (UBA), Nationale Treibhausgasinventare.


V. Beispiel 3: Pandemiepolitik und Kennzahlen-Monismus

Während der COVID-19-Pandemie wurde zeitweise die 7-Tage-Inzidenz zur dominierenden politischen Leitgröße.


Doch eine einzelne Kennzahl kann komplexe Lagen nicht vollständig abbilden. Entscheidend wären:


  • Hospitalisierungsrate

  • Altersverteilung

  • Intensivbettenauslastung (DIVI-Register)

  • Impfquote

  • Kollateralschäden von Maßnahmen


Die Reduktion auf eine moralisch aufgeladene Kennziffer führte zu Polarisierung:


  • Wer Lockerungen forderte, galt als verantwortungslos.

  • Wer Einschränkungen verteidigte, galt als autoritär.


Hier ersetzte moralische Zuschreibung vielfach differenzierte Risikoabwägung.


Quellen:

Robert Koch-Institut (RKI), Wochenberichte

DIVI-Intensivregister


VI. Kernenergie: Risikoempfinden vs. Risikovergleich

Nach der Katastrophe von Fukushima 2011 beschloss Deutschland den beschleunigten Atomausstieg.


Unabhängig von der politischen Bewertung zeigt die Risikoforschung:


Technologische Risiken werden besonders hoch eingeschätzt, wenn sie:


  • unsichtbar sind

  • als unkontrollierbar gelten

  • potenziell katastrophal erscheinen


Dabei zeigen internationale Analysen, dass die Zahl der Todesfälle pro erzeugter Energieeinheit bei fossilen Energieträgern historisch deutlich höher liegt als bei Kernenergie.


Die politische Debatte war jedoch primär emotional strukturiert – weniger vergleichend.


Nicht der systemische Vergleich dominierte, sondern das Katastrophenbild.


VII. Warum Empörung politisch so erfolgreich ist

Empörung ist kommunikativ effizient:


  • Sie erzeugt klare Schuldige.

  • Sie reduziert Komplexität.

  • Sie aktiviert Gruppenidentität.


Zahlen hingegen:


  • relativieren

  • differenzieren

  • entziehen moralische Eindeutigkeit


Doch Politik, die Komplexität systematisch vermeidet, verliert ihre Rationalität.


VIII. Was wäre rationale Politik?

Rationale Politik bedeutet nicht moralische Kälte.

Sie bedeutet strukturierte Verantwortlichkeit.


Sie würde:


  1. Basisraten systematisch einbeziehen.

  2. Risiken vergleichend darstellen.

  3. Kosten-Nutzen-Analysen offenlegen.

  4. Opportunitätskosten transparent machen.

  5. Unsicherheit ehrlich kommunizieren.


Der Soziologe Max Weber unterschied zwischen Gesinnungsethik und Verantwortungsethik.


Gesinnungsethik fragt: „Ist meine Haltung rein?“

Verantwortungsethik fragt: „Welche Folgen hat mein Handeln?“


Zahlen sind kein Zynismus.

Sie sind die Bedingung von Verantwortung.


IX. Moral ohne Mathematik ist Willkür

Der Philosoph David Hume zeigte, dass aus einem Sein kein Sollen folgt. Doch wer das Sein gar nicht mehr quantifiziert, überspringt die Realität vollständig.


Empörung ohne Empirie ist epistemisch blind.


Und Blindheit in der Politik ist kein Ausdruck von Moral, sondern von Selbstgerechtigkeit.


X. Die eigentliche Dummheit

Die Dummheit des Tages besteht nicht darin, moralisch zu urteilen.


Sie besteht darin, Intensität mit Relevanz zu verwechseln.

Sie besteht darin, Einzelfälle als Systembeweis zu lesen.

Sie besteht darin, Statistik als Kälte zu diffamieren.


Empörung skaliert medial besser als Mathematik.


Aber nur Mathematik schützt vor disproportionaler Politik.


Schluss

Eine Demokratie lebt von Debatte.

Doch Debatte ohne Proportion degeneriert zur moralischen Inszenierung.


Rationalität ist keine technokratische Marotte.

Sie ist Respekt vor der Realität.


Empörung mag mobilisieren.

Analyse trägt Verantwortung.


Wenn moralische Empörung Zahlen ersetzt, ersetzt sie letztlich Verantwortlichkeit durch Pose.


Und genau darin liegt die eigentliche politische Dummheit.


Literatur:


Kahneman, D., & Tversky, A. (1974).Judgment under uncertainty: Heuristics and biases. Science, 185(4157), 1124–1131.https://doi.org/10.1126/science.185.4157.1124

Slovic, P. (1987).Perception of risk. Science, 236(4799), 280–285.https://doi.org/10.1126/science.3563507

Sunstein, C. R. (2005).The availability heuristic, intuitive cost-benefit analysis, and climate change. Climatic Change, 77(1–2), 195–210.

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