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Wahrheit – oder warum ich Märchen gegenüber misstrauisch wurde

  • breinhardt1958
  • 9. Nov. 2025
  • 5 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 29. Dez. 2025

Symbolisches Schwarz-Weiß-Bild zur Wahrheit: Märchenwelt und Realität getrennt durch eine Lupe

Wenn man über Wahrheit schreibt, erwartet man üblicherweise einen theoretischen Höhenflug: große Begriffe, noch größere Philosophen, am besten ein wenig metaphysischer Nebel.

Gut möglich.

Aber dies ist ein persönlicher Blog. Also beginne ich dort, wo Wahrheit für mich relevant wurde: bei mir selbst.


Die Wahrheit und ich

Wie die meisten Kinder bin auch ich mit Märchen aufgewachsen. Ich hörte sie gern, ließ sie mir vorlesen, sah Verfilmungen im Fernsehen und im Kino, blätterte durch Märchenbücher. Das war angenehm. Übersichtlich. Beruhigend.


Diese heile Welt geriet ins Wanken, als ich zufällig auf die Sagen der altgriechischen Mythologie stieß. Irgendetwas daran gefiel mir sofort besser als die Märchen. Erst später verstand ich, warum.


Märchen präsentieren eine Welt, die es so nicht gibt: klare Gut-Böse-Trennungen, moralische Eindeutigkeit, ein garantiertes Happy End. Das Gute siegt – immer. Eine schöne Welt, aber keine wahre.


In den Sagen war es anders. Die Figuren waren widersprüchlich, grausam, eitel, mutig, dumm – kurz: menschlich. Das Gute siegte manchmal, manchmal nicht. Selbst Herakles, der größte Held der Griechen, starb elend – ausgerechnet infolge der Dummheit seiner Frau.


Diese Geschichten kamen dem Leben näher, das ich täglich beobachtete. Sie waren nicht moralisch tröstlich, aber realistischer. Wahrer.


Ich wollte nicht länger auf Märchen hereinfallen.


Autoritäten unter Verdacht

Also begann ich, Autoritäten zu hinterfragen: Erwachsene, Lehrer, öffentliche Personen.

In der Schule gab es die, die nichts verstanden. Dann die, die verstanden, was verlangt wurde, fleißig lernten und gute Noten bekamen. Und mich.


Ich fragte mich ständig: Stimmt das eigentlich, was der da vorne erzählt?


Leider behielt ich diese Fragen nicht immer für mich – vor allem dann nicht, wenn mich ein Thema interessierte und ich mich bereits mit alternativen Standpunkten beschäftigt hatte. Das machte mich nicht beliebt.


Je hierarchischer die Struktur war, in der ich mich bewegte – und alle gesellschaftlichen Strukturen sind mehr oder weniger hierarchisch –, desto geringer waren meine Karrierechancen.

Als Untergebener nervte ich Vorgesetzte, weil ich ihre Entscheidungen für dumm hielt.

Als Vorgesetzter nervte ich mich selbst, weil ich meine eigenen Entscheidungen ebenfalls für dumm hielt.


Schwamm drüber.


Von einzelnen Wahrheiten zur Wahrheit an sich

Irgendwann führte mich die Frage nach der Wahrheit konkreter Aussagen zu einer grundsätzlicheren Frage:

Was ist Wahrheit überhaupt – unabhängig von einzelnen Sachverhalten?

Woran erkennt man, was wahr ist und was falsch?


Damit war ich in der Philosophie gelandet. Nur sie stellt solche merkwürdigen Fragen mit ernster Miene.


Und siehe da: Sehr kluge Menschen hatten sich darüber bereits Gedanken gemacht – in Form verschiedener Wahrheitstheorien.


Ein kurzer Überblick über Wahrheitstheorien

  • Korrespondenztheorie (Aristoteles, Thomas von Aquin):

Wahrheit ist die Übereinstimmung des Denkens mit der Wirklichkeit.

Klingt plausibel – hat aber Probleme.

  • Redundanztheorie (Frege):

„Wahr“ ist ein überflüssiger Begriff.

Führt direkt in den Relativismus.

  • Pragmatische Theorie (William James):

Wahr ist, was funktioniert.

Leider funktionieren Lügen oft sehr gut.

  • Konsensustheorie (Habermas):

Wahr ist, worauf sich ein idealer Diskurs einigt.

Setzt Diskurse voraus, die es real nicht gibt.

  • Kohärenztheorie (Neurath):

Wahr ist, was widerspruchsfrei in ein System passt.

Gilt bestenfalls für ideale Gesamtsysteme.


Werfen wir einen genaueren Blick auf die Korrespondenztheorie – die dem gesunden Menschenverstand am nächsten kommt.


Zurück zum gesunden Menschenverstand

Wir sehen einen Stuhl.

Wir denken: Das ist ein Stuhl.

Wir sind überzeugt, dass es tatsächlich ein Stuhl ist – keine Einbildung. Also halten wir unseren Gedanken für wahr.


Ohne dieses Prinzip wären wir als Spezies nicht überlebensfähig.


Doch man kann weiter fragen.


Die Wahrheit soll also in der Übereinstimmung zwischen Gedanken und Realität bestehen.

Aber wie prüfe ich diese Übereinstimmung?


Der Gedanke ist in meinem Kopf.

Der Gegenstand ist in der Welt.

Das eine ist mental, das andere materiell.


Gedanken kann ich logisch vergleichen. Dinge der Welt nur so, wie sie mir erscheinen – gefiltert durch Sinne und Verstand. Die „Dinge an sich“ bleiben mir verschlossen.


Wie Zoglauer schreibt:

Um beide Elemente der Wahrheitsrelation vergleichen zu können, müssten wir einen Standpunkt außerhalb der Welt einnehmen – einen göttlichen Standpunkt, den wir nicht haben.

Mit anderen Worten: Selbst die Philosophie liefert keine letzte Antwort darauf, was Wahrheit eigentlich ist.


Das logische Problem der Wahrheitstheorien

Jede Wahrheitstheorie setzt voraus, dass sie selbst wahr ist.

Sonst hätte man keinen Grund, sie aufzustellen.


Man erklärt Wahrheit also aus einer vorausgesetzten Wahrheit heraus.

Das ist logisch unerquicklich.


Konsequent müsste man sagen:

Wahr ist, was meine Theorie über Wahrheit behauptet.


Oder kürzer:

Wahr ist, was ich für wahr halte.


Damit ist Beliebigkeit Tür und Tor geöffnet – und ein wenig auch dem Größenwahn.


Und was nun?

Ist das ein Grund zur Verzweiflung?

Zur existenziellen Resignation?

Zum kollektiven Selbstmord der Menschheit?


Natürlich nicht.


Menschen sind pragmatisch. Wenn sie etwas nicht genau wissen, basteln sie sich funktionierende Ersatzlösungen.


Im Recht etwa gibt es die „Wahrheitspflicht“ des Zeugen.

Gemeint ist nicht göttliche Allwissenheit, sondern schlicht: nicht bewusst lügen.


Nicht lügen und die Wahrheit sagen sind jedoch zwei verschiedene Dinge.


In den Wissenschaften geht man ehrlicher vor. Dort geht es nicht um Wahrheit, sondern um methodisch kontrollierte Annäherung an die Wirklichkeit: Beobachtung, Experiment, Induktion.


Das Ergebnis eines Experiments ist ein Ergebnis.

Vielleicht ein Fakt.

Vielleicht eine Tatsache.

Aber niemals die Wahrheit.


Ein bescheidener Schluss

Es gibt weitere Wahrheitsbegriffe – ästhetische, normative, ethische.

Darauf gehe ich hier nicht ein.


Bleibt noch das logisch-mathematische Denken. Auch das erklärt Wahrheit nicht vollständig. Aber es liefert immerhin a-priori-Urteile: unabhängig von Erfahrung wahr oder falsch.


Ich weiß es nicht besser.


Und vielleicht ist genau das der ehrlichste Standpunkt zur Wahrheit.


FAQ: Wahrheit – Philosophie, Realität und Irrtümer

Was ist Wahrheit in der Philosophie?

In der Philosophie bezeichnet Wahrheit meist eine Beziehung zwischen Aussagen und der Wirklichkeit. Am verbreitetsten ist die Korrespondenztheorie: Eine Aussage ist wahr, wenn sie mit den Tatsachen übereinstimmt. Das Problem dabei ist, dass wir die Wirklichkeit nie „an sich“, sondern nur durch unsere Wahrnehmung und Begriffe erfassen.

Gibt es objektive Wahrheit?

Objektive Wahrheit im absoluten Sinn ist problematisch, weil wir keinen Standpunkt außerhalb der Welt einnehmen können. Was es gibt, sind intersubjektiv überprüfbare Aussagen, die sich unter festgelegten Methoden bewähren. Objektivität ist daher weniger ein Zustand als ein Verfahren.

Ist Wahrheit relativ?

Wahrheit ist nicht beliebig, aber auch nicht absolut zugänglich. Sie ist abhängig von Sprache, Begriffen, Perspektiven und Erkenntnismitteln. Relativismus beginnt dort, wo diese Abhängigkeit mit Beliebigkeit verwechselt wird.

Was ist die Korrespondenztheorie der Wahrheit?

Die Korrespondenztheorie besagt, dass eine Aussage wahr ist, wenn sie mit der Realität übereinstimmt. Sie entspricht dem Alltagsverständnis von Wahrheit, scheitert jedoch an der Frage, wie die Übereinstimmung zwischen Gedanken und Welt überhaupt überprüft werden kann.

Warum ist Wahrheit so schwer zu definieren?

Jede Wahrheitstheorie setzt bereits voraus, dass sie selbst wahr ist. Wahrheit wird also mit Wahrheit erklärt. Dieser Zirkelschluss ist kein Fehler einzelner Theorien, sondern ein strukturelles Problem des Begriffs selbst.

Sagen Wissenschaften die Wahrheit?

Wissenschaften produzieren keine Wahrheiten, sondern gut begründete, überprüfbare Aussagen innerhalb klarer methodischer Regeln. Ihre Stärke liegt nicht in Wahrheit, sondern in Korrekturfähigkeit.

Was bedeutet „Wahrheitspflicht“ im Recht?

Die Wahrheitspflicht im Recht verlangt keine objektive Wahrheit, sondern das Unterlassen bewusster Lügen. Nicht zu lügen und die Wahrheit zu sagen sind jedoch nicht identisch, da Wahrnehmung und Erinnerung immer begrenzt sind.

Gibt es andere Arten von Wahrheit?

Ja. Neben empirischer Wahrheit gibt es logische, mathematische, ästhetische und normative Wahrheiten. Diese folgen jeweils eigenen Kriterien und sind nicht miteinander austauschbar.

Ist Wahrheit ohne Logik möglich?

Ohne logische Konsistenz lassen sich keine sinnvollen Wahrheitsansprüche formulieren. Logik garantiert jedoch keine Wahrheit über die Welt, sondern nur Widerspruchsfreiheit innerhalb eines Systems.

Warum fühlen sich Menschen von Wahrheit oft bedroht?

Weil Wahrheit Überzeugungen destabilisiert, Identitäten infrage stellt und Konsequenzen erzwingt. Psychologisch ist es oft angenehmer, plausibel falsch zu liegen als unangenehm richtig.

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