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Danach, also deshalb? – Wie uns falsche Kausalität zuverlässig in die Irre führt

  • breinhardt1958
  • 13. Jan.
  • 4 Min. Lesezeit
Satirische Illustration zur falschen Kausalität: zeitliche Abfolge wird fälschlich als Ursache interpretiert
Korrelation ist nicht Kausalität – ein Denkfehler mit Ansage.

Es gibt Denkfehler, die wirken auf den ersten Blick harmlos. Sie schleichen sich unauffällig in Gespräche, Schlagzeilen und Alltagsurteile ein – und entfalten dort eine erstaunliche Zerstörungskraft. Die falsche Kausalität gehört zweifellos dazu. Kaum ein logischer Fehler ist so weit verbreitet, so intuitiv plausibel und gleichzeitig so irreführend. Und durch Selbstüberschätzung wird er noch verstärkt.


Im Kern geht es um eine simple, aber fatale Verwechslung: Zeitliche oder statistische Zusammenhänge werden mit Ursachen verwechselt. Etwas passiert nach etwas anderem – also muss das Erste die Ursache des Zweiten sein. Punkt. Denken eingestellt. Fragt sich, warum wir falsche Schlüsse über Zeit ziehen.


Der Klassiker: Post hoc, ergo propter hoc

In der Logik ist dieser Fehlschluss gut dokumentiert: post hoc, ergo propter hoc – „danach, also deswegen“.

Die Struktur ist immer gleich:

  1. Ereignis A tritt auf

  2. Danach tritt Ereignis B auf

  3. Schlussfolgerung: A hat B verursacht


Das Problem: Diese Schlussfolgerung ist logisch nicht gerechtfertigt. Zwischen A und B kann alles Mögliche liegen – Zufall, eine dritte Ursache, ein indirekter Zusammenhang oder schlicht gar nichts.


Und doch fühlt sich der Schluss für unser Gehirn richtig an. Warum? Weil Menschen kausale Geschichten lieben. Ordnung beruhigt. Zufall verunsichert.


Alltag: Wenn Zusammenhänge zu Erklärungen werden

Ein einfaches Alltagsbeispiel:

„Seit ich diesen neuen Job habe, geht es mir psychisch schlecht. Dieser Job macht mich kaputt.“

Möglich? Ja.

Belegt? Nein.


Vielleicht gingen dem Job jahrelange Überforderung voraus. Vielleicht fiel er in eine Lebensphase mit anderen Belastungen. Vielleicht wäre der Zusammenbruch auch ohne Jobwechsel gekommen. Die zeitliche Nähe liefert keinen Beweis für Ursache – nur für Gleichzeitigkeit.


Ähnlich beliebt:

  • „Seit die Grünen regieren, wird alles teurer.“

  • „Nach der Impfung war ich krank – also war die Impfung schuld.“

  • „Immer wenn ich meine Glückssocken trage, gewinne ich.“


Je emotionaler oder politischer das Thema, desto schneller wird aus einer Korrelation eine Gewissheit.


Warum falsche Kausalität so verführerisch ist

Der Denkfehler ist kein Zeichen von Dummheit. Er ist ein Nebenprodukt menschlicher Kognition.


Unser Gehirn ist darauf optimiert, Muster zu erkennen, nicht Wahrheit zu prüfen. In der Evolution war es sinnvoller, einen kausalen Zusammenhang zu vermuten, als einen zu übersehen. Lieber einmal zu viel „Der Busch raschelt wegen eines Raubtiers“ denken als einmal zu wenig.


Das Problem: Diese Heuristik ist für moderne, komplexe Gesellschaften denkbar schlecht geeignet.


Wirtschaft, Politik, Gesundheit, Beziehungen – all diese Bereiche bestehen aus multikausalen Systemen. Ein einzelnes Ereignis als Ursache herauszugreifen, also eine Reduktion komplexer Systeme, ist meist eine grobe Vereinfachung. Aber eine, die gut erzählt werden kann.


Medien, Politik und der Hunger nach Ursachen

Falsche Kausalität ist der Treibstoff vieler Schlagzeilen:

„Social Media macht Jugendliche depressiv.“ „Homeoffice zerstört den Teamgeist.“ „Früher war alles besser – seit X ist alles schlechter.“

Solche Aussagen suggerieren Kontrolle: Wenn wir Ursache X beseitigen, verschwindet Problem Y.

Das ist politisch bequem, medial verwertbar – und inhaltlich oft unseriös.


Komplexe Ursachenketten verkaufen sich schlecht. Einfache Schuldzuweisungen dagegen hervorragend. Und, wenn viele es glauben, muss es stimmen.


Beziehungskonflikte: Schuld durch zeitliche Nähe

Auch im Privaten ist falsche Kausalität ein gern gesehener Gast, besonders in Beziehungen:

„Seit du weniger Zeit hast, streiten wir ständig. Also bist du der Grund.“

Vielleicht stimmt das. Vielleicht aber auch nicht. Vielleicht haben sich Erwartungen verändert, Kommunikationsmuster verhärtet oder äußere Belastungen zugenommen. Die zeitliche Nähe liefert ein Narrativ – aber keine Analyse.


So entsteht schnell moralische Schuld aus logischer Bequemlichkeit.


Wissenschaftlich betrachtet: Korrelation ist nicht Kausalität

Der wohl bekannteste Satz der empirischen Forschung lautet:

„Korrelation ist nicht Kausalität.“


Zwei Größen können gemeinsam steigen oder fallen, ohne dass die eine die andere verursacht. Klassiker:

  • Mehr Eisverkäufe korrelieren mit mehr Ertrinkungsunfällen→ Eis führt nicht zu ertrinken, der Sommer verbindet beides.

  • Mehr Feuerwehrleute vor Ort korrelieren mit größeren Bränden→ Feuerwehr verursacht nicht das Feuer.


Wer diese Unterscheidung ignoriert, zieht falsche Schlüsse – und trifft falsche Entscheidungen.


Der Preis falscher Kausalität

Der Denkfehler ist nicht nur akademisch problematisch. Er hat reale Folgen:

  • falsche politische Maßnahmen

  • unnötige Ängste

  • Sündenbockdenken

  • persönliche Fehlentscheidungen

  • ideologische Verhärtung


Wer glaubt, Ursachen sicher erkannt zu haben, hört auf zu fragen. Zweifel wird überflüssig. Und genau dort beginnt geistige Bequemlichkeit gefährlich zu werden.


Ein nüchterner Ausweg

Was hilft?


Keine absolute Sicherheit – aber intellektuelle Hygiene:

  • Mehrere mögliche Ursachen zulassen

  • Zwischen zeitlicher Abfolge und Erklärung unterscheiden

  • Fragen stellen statt Schuld verteilen

  • Komplexität aushalten


Das ist anstrengender als einfache Geschichten. Aber näher an der Realität.


Oder, etwas respektloser formuliert:

Nur weil etwas nach etwas anderem passiert, heißt das noch lange nicht, dass man den Schuldigen gefunden hat. Oft hat man nur einen zeitlich passenden Verdacht – und verwechselt ihn mit Erkenntnis.


Und das ist keine Logik.

Das ist bequemes Denken.


FAQ

Was ist falsche Kausalität?

Falsche Kausalität bezeichnet den logischen Fehler, bei dem aus einem zeitlichen oder statistischen Zusammenhang fälschlich auf eine Ursache geschlossen wird.


Was bedeutet „Korrelation ist nicht Kausalität“?

Dass zwei Dinge gemeinsam auftreten, heißt nicht, dass eines das andere verursacht.


Warum ist falsche Kausalität so verbreitet?

Weil das menschliche Gehirn nach einfachen Erklärungen sucht und Zufall schlecht aushält.

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